Ihr Gatte wollte der in vollem Vertrauen Lebenden keine Besorgnisse einpflanzen, die ihrem arglosen Gemüthe so fern lagen; auch hoffte er noch die Katastrophe abzuwenden.
Das Welthaus Strousfeld war nahe daran, seine Zahlungen einzustellen; Stern war mit seinem ganzen Vermögen bei demselben betheiligt. Er hielt es unausbleiblich, daß auch er folgen würde. „Dies muß abgewendet werden, um jeden Preis!“ sagte er sich. Noch war die Angelegenheit nicht officiell. Stern bot seinen ganzen Einfluß auf und im Verlauf von acht Tagen gelang ihm das Unglaubliche. Man konnte öffentlich die in Privatkreisen schon vielfach besprochene Zahlungseinstellung Strousfelds Lügen strafen, da die vorkommenden Anweisungsgelder Heller bei Pfennig bezahlt wurden.
Doch wie war dies möglich geworden?
Haben jene Moralisten Recht, die die Börsenwelt die Welt des Scheines, des Betruges, der Illusionen nennen? Wohl konnte man sich in jener Gründerzeit, die mit dem überall in schwerem Unglück hereinbrechenden „Krach“ endete, fragen: „Was ist Reichthum?“ Imaginär war der Besitz, war die Verrechnung. Papiere wurden geschaffen, verwerthet, entwerthet; Consortien, Gesellschaften, Banken gegründet, die, da ihre Directoren mit allem erdenkbaren Pomp auftraten, die feinsten Hotels mit einer zahllosen, gallonirten Dienerschaft bewohnten, auf Gummirädern dahingallopirten, eines Ansehens und Vertrauens bei der großen Menge genossen, das uns heute, da der Schleier gefallen, an dem gesunden Sinn, der richtigen Urtheilsgabe der in’s Schlepptau genommenen Bevölkerung zweifeln läßt; ein kleiner Bruchtheil hielt sich der Strömung fern, theils aus Mißtrauen, theils aus angeborenem Rechtlichkeitsgefühl; sie ahnten, daß jenen ewigen Naturgesetzen zufolge, welche nur eine Vermehrung des Besitzes nach rechtlicher Arbeit eintreten lassen, die Ueberspeculation sich rächen müsse. Es war so bequem zu „zeichnen“, nur zu zeichnen, wie der technische Ausdruck hieß, und dafür gleich den Gewinn einzuheimsen. So leicht wie man „verdiente“ (wenn dies eben ein Verdienen war), gab man auch aus; der Börsianer hatte eine stets offene Hand; was galt ihm der Preis einer Waare? Der armselige Krämer oder Waarenhändler rechnete seinen Nutzen nach Pfennigen, er denjenigen einer einzigen „Zeichnung“, nach Tausenden.
Eine einflußreiche, gut accreditirte Person konnte in jener Gründerzeit mit leeren Händen Schätze gewinnen. So war es auch nichts Seltenes, daß sogar fürstliche Personen sich an die Spitze der Börsen-Unternehmungen stellten. Stern wußte seinen Einfluß bei dem verschuldeten Grafen Nesh geschickt zu benutzen. Der Graf stand an der Spitze jenes Consortiums, das eine neue Anleihe für eine Zweigbahn ausschrieb; weder Strousfeld’s, noch sein Name hatten genügende Anziehungskraft, die Grafenkrone adelte das Unternehmen. Zwar wußte man in aristokratischen Kreisen, wie es nun mit Graf Nesh stehe, doch das Gros war geblendet durch den altadeligen Stamm, man traute und Tausende und Abertausende flossen zusammen; es hieß, das Geld sollte zum Bau einer Zweigbahn, von deren Prosperität man sich überzeugt hatte, verwendet werden — in Wirklichkeit wurden mit den einlaufenden Capitalien alte Verpflichtungen berichtigt. Die Interessenten warteten auf eine Verständigung — vergebens.
Wozu war die Anleihe verwendet worden?
Man munkelte allerhand, und Stern, der die rechte Hand Strousfeld’s war, er, den man als Freund und chargé d’affaire des Grafen Nesh kannte, wurde vielfach verdächtigt, bedeutende Summen zu anderen, als den gezeichneten Zwecken verwendet zu haben.
Der Begriff von Ehre und Rechtlichkeit ist in gewissen Kreisen gar zu dehnbar, zu elastisch; Stern hatte ein weites Gewissen, dennoch drückte ihn die Verantwortlichkeit. Was heute Geheimniß der Betheiligten war, mußte doch über kurz oder lang entschleiert werden. Kommt Zeit, kommt Rath! tröstete er sich; augenblicklich war die Krisis überwunden; einige gute Speculationen und die eingelaufenen Summen konnten zurückgezogen und ihrer eigentlichen Bestimmung nach verwendet werden. Er hoffte es, wenngleich in schlaflosen Nächten das Gespenst der Sorge aus den Falten des blauseidenen Himmelbettes gar grinsend und unheimlich hervorlugte, Ruhe und Glück verscheuchend.
Der arme, reiche Mann! Was hatte er von seinen Hunderttausenden? Sorge, Aufregung, Qual ohne Ende. Der ärmste Bettler legt sein müdes Haupt zur Erde nieder und findet erquickende Ruhe; seit Wochen floh ihn der Schlaf, unstet irrten seine Gedanken in die Zukunft; die erhoffte günstige Wendung in den Börsenmanövern trat nicht ein; der kommende Ultimo erforderte neue Opfer. Strousfeld war außer Stande, auch nur einen Theil der Gelder auszuzahlen. Stern sah ein, daß er ein gewagtes Spiel gespielt, wohl konnte man das ungläubige Publikum noch für einige Zeit dupiren, doch — es mußte etwas geschehen, denn auch Graf Nesh fing an zu drängen, daß er seinen „guten Namen“ retten müsse. Welch’ schweren Stand hatte Stern! Was er gethan, konnte er vor sich selbst nicht verantworten; keine Hoffnung, die Angelegenheit zu ordnen! Die fremden Capitalien waren nicht herauszuziehen, sie schienen ihrem Bestimmungszweck verloren. — Von Tag zu Tag sanken die Course. Ein sogenannter „heller Kopf“ berief eine Versammlung der Actionäre ein und entrollte ein Bild, das eben nicht vertrauenerweckend war. „Wir sind die Geprellten!“ hieß es, „doch wir wollen der Sache auf den Grund gehen; entweder die Bahn, für die wir gezeichnet und gezahlt, wird noch im Laufe dieses Monats in Angriff genommen, oder wir beantragen gerichtliche Untersuchung.“
Jetzt mußte Stern handeln; er sagte sich, daß „Zeit gewonnen, Alles gewonnen“ heiße. Unerschrocken berief auch er jetzt unter der Aegide des Grafen Nesh eine Versammlung der Betheiligten ein. In glänzender, überzeugender Rede suchte er die gegen das Consortium laut gewordenen Verdächtigungen zu widerlegen; wohl sei man nicht vorschnell mit dem Ankauf der Bahnstrecken vorgegangen, da eine günstige Conjunctur abzuwarten, auch der Erfolg einer Zweigbahn erst nach Vollendung der Hauptbahn zu erwarten sei, letztere könne jedoch erst in einigen Monaten dem Betriebe übergeben werden. Die eingezahlten Gelder seien einstweilen sicher in einem der ersten Bankhäuser angelegt; auch Graf Nesh und andere Koryphäen des Consortiums traten dafür ein, daß das Unternehmen den besten Händen anvertraut und eine baldige Durchführung auf solider Grundlage zu erwarten sei.