Man „glaubte“ und die Versammlung ging beruhigt auseinander. — Doch nun hieß es energisch vorgehen. Weshalb hatte Stern die eingezahlten Gelder dem Hause Strousfeld zugeführt? Es galt, eine damals unabwendbare Zahlungsstockung zu verhüten und somit Zeit zu gewinnen, sein bei Strousfeld engagirtes Vermögen herauszuziehen. Stern selbst hatte an Actien 50,000 Thaler gezeichnet; die Gesammt-Zeichnung betrug 800,000 Thaler. Wohl hatte er den Fall des Strousfeld’schen Hauses hingehalten, seine Gelder theilweise herausgezogen, doch — ein sinkendes Schiff ist schwer zu retten. Unmöglich, jetzt noch das Steuer richtig zu lenken! Das hatte Stern allerdings nicht voraussehen können; mit Sicherheit hoffte er bei steigender Conjunctur nach einigen Monaten seine Gelder mit guten Zinsen vom Hause Strousfeld erheben zu können; wie so manch ähnliches Manöver war in Börsenkreisen abgespielt und ohne Schaden der Betheiligten zu Ende geführt worden! Es galt für Stern, sein Vermögen, die Ruhe und Ehre der Seinigen zu retten; welche Speculation war um diesen Preis zu gewagt?
Noch vor zwei Jahren, ehe Stern die Bekanntschaft Caspari’s gemacht, hätte er keinen Fehler in seiner Handlungsweise erkannt, doch jetzt war er nicht mehr er selbst, der berechnende Kaufmann, dem der Naturalismus, die Sucht nach Gewinn, über Alles geht — er hatte sich berauscht an dem sprudelnden Nectar einer edlen Weltauffassung, hatte aus dem Born des reinen Menschenthums ideale Begeisterung getrunken und — der Dualismus nagte an seiner Natur und schien sie zu ertödten; der Idealist verurtheilte, was der Materialist geboten hielt; aus Liebe zu den Seinen hatte er sich einer verbrecherischen Handlung schuldig gemacht, um sein Vermögen zu retten, so viele Andere um das Ihrige gebracht. Die von ihm gezeichneten 50,000 Thaler waren nur fingirt, doch hatten sie Andere zur Nachzeichnung ermuntert; der Betrug konnte ihm nachgewiesen werden. O, Qual der schlaflosen Nächte, in denen er sich das Hirn zermarterte, wie er Ehre und Vermögen und Glück der Seinen, das ihm noch unlängst so fest begründet schien, retten könne. Noch war keine Aussicht auf Eröffnung der Bahnstrecke, und selbst wenn diese erfolgte — man weiß ja, daß das erste Jahr ein Versuchsjahr sein muß und keinen Gewinn abwirft.
Zehnmal schon hatte er sich vorgenommen, sich dem Freunde zu vertrauen — doch konnte er ihm, dem reinen, hochherzigen Manne seine unlautere Geschäftsgebahrung mittheilen?
Caspari hätte ihn kaum verstanden; er würde ihn eher für irrsinnig erklärt haben, ehe er solche Schurkerei geglaubt hätte.
Wie beneidete er Susi um ihre Arglosigkeit. Ja, das Kind war ein Glück für sie, denn hätte sie ihm nicht so ganz ihr Sinnen und Trachten geweiht, die kluge Frau würde längst die Aenderung in ihres Gatten Wesen bemerkt haben.
In der Stadt munkelte man schon viel, daß es mit Stern’s Finanzoperationen schlecht stehe; die „guten Freunde“ zogen sich zurück; Frau Commercienrath Beche, die sonst nie ohne herzlichen Händedruck an Susi vorüberging, wich ihr schon mehrmals, wenn sie einander auf der Promenade begegneten, aus; Frau von Lorm pflegte sonst, wenn sie die junge Frau sah, stets ihren Wagen halten zu lassen und sie zu bitten, in demselben Platz zu nehmen; — sonderbar! war die sonst so scharfsehende Dame kurzsichtig geworden? Doch Susi war so sehr mit ihrem reichen Innenleben und der Sorge für ihr Kind beschäftigt, daß, wenngleich ihr diese Vorfälle nicht entgingen, sie ihnen doch weiter keine Bedeutung beilegte. Ihr Gatte schien zwar öfter auffallend zerstreut, doch war ihr dies nichts Neues; wußte sie doch, daß seine weitverzweigten Geschäfte, sowie das große Personale, das ihm unterstand, sein Denken sehr in Anspruch nahmen.
Mehrere Monate nach der Katastrophe stand man im Strousfeld’schen Geschäft vor derselben Krisis. Die vom Consortium gezeichneten Summen waren nur theilweise eingezahlt worden; es hatte sich unter Stern’s eigenen Leuten ein Verräther gefunden, der das ganze Manöver aufdeckte. Eine gerichtliche Commission wurde zur Prüfung der Sachlage eingesetzt; Stern hielt seine Position für unhaltbar; nicht nur hatte er die gezeichneten 50,000 Thaler nicht eingezahlt, er hatte im Laufe jener Zeit beinahe das Doppelte aus dem Strousfeld’schen Geschäft an sich zu bringen gewußt, obgleich andere Gläubiger, die frühere Forderungen hatten, zurückgewiesen worden waren.
Vergebens zermarterte er sein Hirn, wie er einen Ausweg finden könne, um wenigstens seinen ehrlichen Namen zu retten. Die Bücher waren mit Beschlag belegt und wurden seine unerbittlichen Ankläger. Jeder Laie konnte aus Ihnen ersehen, daß ein großer Theil des vom Consortium geleisteten Vorschusses in Stern’s Casse geflossen.
Wie beneidete er den ärmsten Commis in seinem Geschäfte, der, sein spärliches Einkommen richtig eintheilend, sorgenfrei, ohne Reue, ohne Furcht leben durfte.
O, hätte ihm nur ein Mensch rathen können, was jetzt zu thun sei.