Schon sah er die Gerichtsdiener kommen, sein Eigenthum pfänden, ihn selbst fortführen, fort von Weib und Kind — von der alternden Mutter, deren größter Stolz er war, und die es nicht überleben würde, ihn als Verbrecher angeklagt zu sehen.
Verbrecher! er schauderte zusammen. Ja, das war er in den Augen der Welt, und dadurch waren auch sein Weib, sein Kind geschändet!
Doch wie? Ein rettender Gedanke flog durch die fieberhafte Stirn; noch kann er als ehrlicher Mann sterben, noch ist keine Anklage erhoben; es gibt Mittel. — Geisterbleich saß er da und stierte in die Ferne. Noch einmal trat das Leben mit all’ seinen Verlockungen vor seine Seele, er umarmte in Gedanken das geliebte Weib, er küßte unter strömenden Thränen das Bild des kleinen Berthold, das er bei sich führte. — „Ja, Euch zu Liebe muß es sein!“ rief er endlich in wilder Verzweiflung. „Der Freund wird Euch schützen, daß Ihr nie das Schreckliche erfahrt, Ihr sollt mich beweinen, als einen geliebten Todten, den die Erde, — nicht als einen Verbrecher, den das Zuchthaus birgt.“
Als Stern endlich aufstand, schien er um zehn Jahre gealtert. Er ging auf sein Schreibpult zu, nahm ein Paket Streichhölzer, deren Schwefelenden er in eine eigens bereitete Lösung steckte.
„Meine einzige Rettung!“ sagte er seufzend; er griff zur Feder und schrieb lange, lange; den Brief übergab er selbst der Post; als er zurückkehrte stand er sinnend an der Thür des Kinderzimmers. Sie sang so rührend schön: „Bleib’ brav und gut, mein herzig Kind!“ Nein, er hatte kein Recht, ihre holde Ruhe zu stören. „Wer weiß auch,“ sagte er sich, „ob mir die Kraft bleibt, den Entschluß auszuführen, nachdem ich sie noch einmal gesehen!“ Festen Schrittes ging er in sein Arbeitszimmer, das er sorgfältig verschloß; dort stand der todtbringende Trank.
„Besser leiblich als moralisch todt!“ sagte er sich und trank muthig den Becher zur Neige! —
IX.
In der fünften Stunde erhielt Dr. Caspari einen Brief von Stern’s Hand. „Gewiß eine Einladung zu heute Abend!“ sagte er erfreut, doch starr und bleich wurden seine Züge, als er den Brief durchflogen:
„Du einzig wahrer Freund! Ich muß in Deine Hände ein schauerliches Vermächtniß legen; beklage mich und erfülle meinen letzten Willen; stehe meiner Susi, meinem Kinde zur Seite, wenn ich nicht mehr bin. Du als Advocat hast Einblick in die Strousfeld’schen Acten; meine Gebahrung erscheint strafbarer als sie ist; hätte jener Elende nicht mein Geschäftsgeheimniß verrathen, ich hätte Alles zum Guten wenden können; jetzt ist es leider unmöglich. Trachte, daß Susi mit dem Kinde die Residenz meidet; der Arzt hat ihr ohnehin ein Seebad verordnet; sie wird mich betrauern und mein Andenken ehren; dies gibt mir die Kraft, den schrecklichen Entschluß auszuführen. Dr. Senter wird einen Herzschlag als Todesursache constatiren. Die Untersuchung kann sich noch Wochen hinziehen; inzwischen richte es ein, daß Susi nach Misdroy übersiedelt; falls Gerüchte auftauchen, hoffe ich, kommen sie ihr dort nicht zu Ohren; Deine und Mariens Gesellschaft wird ihr bester Schutz sein.
Nun noch die eine Bitte an Dein Freundesherz! Verurtheile mich nicht! Du wirst es Feigheit und moralische Schwäche nennen, was mir gerade als echte Mannesthat geboten scheint, ich meide schweren Herzens ein Leben, das ich jetzt erst durch edle Menschen lieben und verstehen gelernt habe; ich muß es meiden, da ich als Ehrloser nicht weiter in ihrer Gemeinschaft leben darf. — Sich selbst verbannen, ist ein schweres Loos!