Ich lege das Schicksal der Meinen, meine Vertheidigung bei Gericht in die Hände des besten Menschen und bitte ihn, mir zu verzeihen, daß ich sein reines Gewissen in Mitwissenschaft der schrecklichen That ziehe, die ich ausführen mußt’ — aus Liebe zu den Meinen! Jacob Stern.“

Dr. Caspari hatte kaum den Brief gelesen, als er nach Hut und Stock griff und eiligst davonlief. Unterwegs traf er einen Fiaker, in den er sich, an allen Gliedern bebend, warf. „Ich zahle dreifache Taxe, nur eilen Sie!“ er nannte Stern’s Wohnung. Der Fiaker flog, doch schneckengleich für Caspari’s Ungeduld. Vielleicht konnte er ihn noch retten, der Brief war eine Stunde zuvor aufgegeben. — Endlich hielt der Wagen. Angsterfüllt stieg Caspari die teppichbelegten Stufen hinan; er warf einen Blick in’s Comptoir, dort war er nicht; er eilte in sein Privatzimmer; zitternd öffnete er. — Das Schreckliche war bereits geschehen; dort lehnte der Freund mit verzerrtem Gesicht; die Todeszuckungen waren noch wahrnehmbar! er mußte furchtbar gelitten haben.

Caspari brach erschüttert zusammen; eine Fluth von Gedanken und Empfindungen überkam ihn, die ihn unfähig zum Handeln machte. — Wie lange er hier gesessen? Es dämmerte schon, da hörte er einen Wagen vorfahren; eine schlanke Frauengestalt hüpfte leichten Fußes heraus; sie schien so glücklich, so lebensvoll! Jetzt half sie der Wärterin mit dem Kinde, sie nahm es nun selbst in ihren Arm, um es dem Papa hinaufzutragen. Schnell verriegelte Caspari die Thür, jetzt durfte sie nicht eintreten; er wollte erst selbst gefaßt sein, um die Arme vorbereiten, sich selbst in die ihm zugemuthete Lüge hineinfinden zu können.

Er sandte einen Diener zu Dr. Senter. Derselbe kam bald. Die Männer hatten sich verständigt. — Der Procurist erschien, Briefe zur Unterschrift vorzulegen — das Geheimniß mußte gewahrt werden. Es hieß, Jacob Stern sei an einem Herzschlag soeben verschieden. —

Susi saß am Clavier und spielte eben — es war die Zeit, in der ihr Gatte bei ihr einzutreten pflegte — die von ihm so geliebte Arie aus Aïda. Die Thür öffnete sich, es trat Jemand hinter ihre Lehne, sie reichte ihm, während sie weiter spielte, den Mund zum Kusse, doch erschreckt fuhr sie auf, der, den sie eingetreten wähnte, war nicht ihr Gatte, sondern Dr. Caspari, leichenbleich, mit verstörten Augen.

„Ich glaubte,“ stotterte Susi — „doch was ist Ihnen? Sie sind angegriffen“ —

„Ich habe soeben einen Freund verloren, und kann es noch nicht glauben, daß dem so ist!“ sagte Caspari schmerzlich erregt.

Susi drängte ihn ahnungslos auf einen Sessel und läutete, um ihren Mann rufen zu lassen. Der Diener, dem sie den Auftrag gab, stand sprachlos.

„Gnädige Frau, wissen noch gar nicht,“ stammelte der Alte — doch Caspari hatte sich gefaßt und drängte ihn zur Thür hinaus.

„Susi,“ begann er, ihre Hände in den seinigen haltend, „zeigen Sie sich als die muthige, seltene Frau, als die ich Sie stets verehrt! Die Vorsehung hat Schweres über Sie verhängt, doch Sie haben Kraft, selbst das Schreckliche mit Fassung zu ertragen — Ihr Gatte“ —