Sie sprach kein Wort, sie schluchzte wie ein Kind, das sich aus dem Elternhaus verlaufen und nun durch eine gütige Hand wieder in die Arme der Liebe zurückgeführt wird.
„Und Du sagtest, daß er Dir ein Recht auf meinen Besitz gegeben?“ fragte sie endlich nach langer stummer Umarmung.
„In einer Stunde, die ihm die ernsteste seines Lebens war!“ entgegnete Caspari.
„So nimm mich denn hin!“ rief sie, sich innig an seine Brust schmiegend; „Du weißt es ja, daß ich längst Dir gehört, ehe ein unseliges Mißverständniß mich dem Verstorbenen zuführte; doch ich habe ihn achten und lieben lernen und werde sein Andenken, selbst wenn eine alte Liebe in ihre geheiligten Rechte tritt, stets in Ehren halten!“ — Sie war zu glücklich, um die Wolke zu sehen, die Caspari’s klare Stirn überzog; doch wie ein Schatten flog sie vorüber, als sein Blick das geliebte Weib traf, das blühender und schöner als je, nach langen Kämpfen nun endlich sein eigen geworden.
XI.
In der Stadt S. erregte es nicht wenig Aufsehen, als die Verlobung des Rechtsanwalts Berthold Caspari mit der Witwe des bankerotten Jacob Stern bekannt wurde. Er, dem die schönsten und reichsten jungen Mädchen angetragen worden, wählte eine mittellose Frau, deren Mann allerhand unlautere Sachen nachgesagt wurden, an dessen ehrenhaftem Tode man sogar zweifelte. Es war wieder einmal einer jener Fälle, den man sich nicht erklären konnte und der namentlich von den Müttern heiratsfähiger Töchter in’s Unglaubliche travestirt wurde. Man sprach schon von einem Verhältniß zu Lebzeiten Stern’s, von Susi’s wohlbedachten Plänen, ihrer Coquetterie, von Caspari’s Leichtsinn, in eine solche Falle gegangen zu sein und ahnte nicht, daß die beiden Menschen, um deren Schicksal man sich so sehr kümmerte, den Traum ihres Glückes so rein und ganz genossen, daß nicht einmal die in aller Munde ventilirte Vermögensfrage bisher zur Sprache kam. Der alte Cahen hatte sich, obgleich die Vereinigung mit Caspari, dem getauften Juden, seiner religiösen Anschauung durchaus zuwider war, dennoch endlich gefügt und dem glücklichen Paare seinen Segen gegeben; selbst in dem Herzen des alten, in religiösen Vorurtheilen grau gewordenen Mannes dämmerte eine Ahnung, daß es ein Glück gebe, das über den religiösen Bekenntnissen, frei und unabhängig von denselben die Menschenseele belebe; ja es wurde in ihm zur Gewißheit, daß jene höchste, vornehmste Glückseligkeit, wie er sie in seinen Kindern verkörpert fand, sich nur in sittlich guten, reinen Menschen, denen Reichthum mehr Werth als Befolgung ceremonieller Gebräuche habe, verwirklichen lasse. Caspari’s Benehmen noch zu Stern’s Lebzeiten, seine edle Handlungsweise nach dessen Tode an der sonst der Verachtung preisgegebenen Tochter, hatten ihm imponirt.
„Mehr hätte kein Jude thun können!“ hatte er ihm als höchste Anerkennung gesagt.
Obgleich er der Tochter gern den Schmerz erspart hätte, Klarheit in ihrer Vermögenslage zu haben, hielt er es doch für seine Pflicht, da Susi mehrmals davon gesprochen, ihrem Kinde eine Summe festzusetzen, auf die traurige Vergangenheit hinzuweisen.
Caspari fand seine Verlobte einst in Thränen, als er nach den Bureaustunden, wie gewöhnlich, bei ihr vorsprach.
„Das, das hättest Du für mich gethan!“ rief sie in überströmender Glückseligkeit unter heißen Thränen lächelnd. „O, jetzt weiß ich erst, daß ich mich nie, nie, und setzte ich mein ganzes Leben zum Opfer ein, Deiner Liebe würdig machen kann, Du edler, guter Mann.“