Indeß Eltern und Freunde für sie Zeiten schwerer Sorgen und Kämpfe durchmachten, saß die trauernde Witwe ahnungslos in ihrem fernen Häuschen am Meer und glaubte schon das schwerste Unglück erfahren zu haben. Noch wähnte sie sich im Besitz von Macht und Reichthum, den Namen des Verstorbenen unangetastet; wohl ihr, daß sie nicht wußte, wie Alles in den zwei Monaten, seit jenem Unglückstage so anders geworden.
Der Sommer neigte seinem Ende zu. Susi dachte an die Heimreise; es galt, die junge Frau jetzt vorzubereiten, daß ihr Heim, ihr schloßartig eingerichtetes Haus, nicht mehr ihr eigen sei, das Geschäft ihres Gatten sich aufgelöst habe. Dr. Caspari war der Einzige, der dies in schonender Weise und mit richtigem Tact zu thun im Stande war. Er sollte die Freundin und die Schwester heimgeleiten. Einige Tage vor seiner Abreise wurde Frau Cahen bedenklich krank; die Sorgen und Aufregung hatten die ohnehin alternde Frau tief erschüttert; so bedenklich der Fall an und für sich, so erleichterte er doch dem Freunde das traurige Amt, Susi in die vollständig geänderten Verhältnisse einzuführen. Nicht die Witwe kehrte in das Haus des verstorbenen Gatten zurück, die Tochter eilte an’s Krankenbett der geliebten Mutter und dachte tage- und wochenlang nicht daran, dasselbe zu verlassen. — Frau Cahen war einem heftigen Nervenfieber zum Opfer gefallen; noch ehe sie die Augen schloß, nahm sie Susi das Versprechen ab, den Vater nicht zu verlassen. „Mein Kind, bleib’ im Elternhaus!“ hatte sie bittend gesagt. „Du mußt jetzt für Deinen Vater leben; verlaß ihn nicht!“
Was Susi der sterbenden Mutter versprach, war ihr heilig. Sie bat jetzt den Freund selbst, das große, elegante Haus zu veräußern. Arme Frau! Sie ahnte nicht, daß der neue Besitzer bereits im Begriff war, es renoviren zu lassen. Dr. Caspari hatte ihr gesagt, daß er im Verein mit ihrem Vater gewissenhaft alle Geldangelegenheiten ordnen werde und Susi’s Sinn war zu wenig auf pecuniäre Dinge gerichtet, um, da sie ihr Vermögen den zuverlässigsten Händen anvertraut wußte, irgend eine Auskunft zu begehren. Sie lebte abgeschnitten von allem Verkehr nur den Ihrigen, fühlte sich auch in der steten Fürsorge, die ihre Freunde für sie hatten, durchaus nicht vereinsamt, obgleich Alle die sie mieden, die bisher ihre Gesellschaften frequentirt, sich in ihren Salons an Wein und Champagner gütlich gethan. Sie hatte ihr Kind, und somit erschloß sich ihr eine neue Welt des Glückes, der reinsten Freuden, die nach und nach die Falten, die Gram und Kummer ihrer jugendlichen Stirne eingefurcht, glätteten. Der kleine Berthold gedieh, gleich kräftig an Körper und Geist. Wer je die Freude gekannt, das erste Denken des geliebten Kindes zu belauschen, zu beobachten, wie sich seine Wahrnehmungen schärfen, wie es erkennen, urtheilen, vergleichen lernt, kann wohl ermessen, daß der vereinsamten Frau noch manche Blumen blühten, die ihrem Leben Reiz und Werth verliehen. „Ja, wenn er nur das Alles mit erlebt hätte!“ seufzte sie; „und sie, die gute Mutter!“ fügte sie thränenden Auges hinzu. Doch der kleine Wildfang ließ keine Verstimmung aufkommen; er herzte und küßte die Thränen aus dem Mutterauge hinweg, als sei er sich der Aufgabe bewußt, der betrübten Frau jetzt Alles sein zu müssen.
Der Jahrestag von ihres Gatten Tode nahte heran; sie glaubte im Sinne des Verstorbenen zu handeln, wenn sie aus dem vermeintlich großen Vermögen eine Summe zu wohlthätigen Zwecken abzweige. Dr. Caspari kam nicht wenig in Verlegenheit, als sie ihm ihre Absicht kund that.
Durfte er ihr sagen: „Du, die Du Dich reich und unabhängig wähnst und Anderen nach deinem reichen Herzen reiche Unterstützungen zufließen lassen willst, bist selbst auf Unterstützung angewiesen, bist arm und hilflos und weil Du es bist, komme, theile mit mir, was ich habe! Vergönne es mir, Dir des Lebens Annehmlichkeiten zu bieten, für Dich zu leben — Dein zu sein.“
O wie oft hatte dieser Wunsch in den letzten Monaten ihm auf der Zunge geschwebt — doch er ehrte ihre Treue und mochte in dem Jahr, das sie dem Verschiedenen widmete, keine Rechte auszuüben versuchen, die ihm dieser ja in seinem letzten Willen selbst eingeräumt. — Und Susi! hatte sie ihm nicht gehört, ehe sie Stern ihm — doch weg mit jenen Gedanken, die das Andenken dessen, den er hernach seinen Freund genannt, verunehrten. Ja, Susi mußte die Seine werden, doch das wußte er, sie würde nur einwilligen, so lange sie sich reich und unabhängig wähnte — nie, falls sie denken müßte, ihm mit ihrem Kinde eine Last zu sein. Deshalb mußte sie in ihrem Glauben, eine vermögende Frau zu sein, erhalten bleiben, deshalb mußte der sonst so wahrheitsgetreue Mann sich zu einer Unwahrheit herbeilassen. Als Susi wiederholt auf ihre Absicht zurückkam, versprach er Gelder flüssig zu machen, um womöglich in kürzester Zeit eine Vorlage liefern zu können. Diese kürzeste Zeit mußte genützt werden, so gern er noch, um Susi’s Schmerz und das Andenken an den Verblichenen sich ganz beruhigen zu lassen, seinen Antrag hinausgeschoben hätte.
Zum wievielten Male hatte Susi heute in dankbarer Anerkennung gesagt: „Was wäre aus mir geworden, wenn ich Euch nicht in der herben Leidenszeit zur Seite gehabt hätte! Nie werde ich Euch danken können, was Ihr an mir gethan!“
Caspari hatte der Schwester einen Wink gegeben, sich zu entfernen.
„Susi!“ begann er, mit Innigkeit ihre Hände ergreifend, „Susi, Sie können es! Denken Sie,“ fuhr er leidenschaftlich fort, „was wir uns, ohne es uns je gestanden zu haben, vor Ihrer Verheiratung waren! Lassen Sie uns die Spanne Zeit, die dazwischen liegt, aus dem Buche unseres Lebens streichen und ein neues Leben innigster Gemeinschaft beginnen! Glauben Sie mir, Susi, es hat mich die härtesten Seelenkämpfe gekostet, ehe ich mich dazu überreden konnte, Ihr Freund, nur Ihr Freund sein zu wollen. Mit der unterdrückten Gluth des Liebenden war ich nach außen der kühle, besonnene Freund, — ich wußte, was ich Ihnen und Ihrem Gatten schuldig war! Doch glauben Sie meinem Ehrenworte, er selbst hat mir einst in ernster Stunde das Recht auf Sie zurückgegeben, falls er nicht mehr sein wird. Susi, machen Sie dieser Tödtung der heiligsten Gefühle, zu der ich mich zwingen muß — ein Ende — werden Sie endlich die Meine!“
Die junge Frau hatte ihm mit steigender Röthe zugehört. War das der ruhige, besonnene Freund, der weise Berather, der da mit leuchtenden Augen, aus denen das heißeste Verlangen sprach, vor ihr saß, der ihr jetzt zu Füßen gesunken war, ihre Hände mit glühenden Küssen bedeckte. Magnetisch durchzuckte es ihr ganzes Wesen, vergebens sammelte sie ihre Kräfte, ihm zu widerstehen, — willenlos lag sie in seinen Armen, eine höhere Macht, der sie mit dem Aufgebot ihrer physischen und geistigen Kräfte lange genug entgegengearbeitet, um äußerlich ruhig zu erscheinen, läßt sie unterliegen, die Macht der lang unterdrückten, jetzt siegreich erwachenden Liebe.