Die Kunde, daß Stern am Herzschlag gestorben, hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet.

Condolenten kamen und gingen. — Susi ließ Niemand vor. Was ihr noch vor einigen Jahren als eine Erlösung erschienen, war ihr jetzt ein unüberwindbares Unglück.

Ein großes unabsehbares Gefolge geleitete den Todten nach dem Friedhofe. Susi hatte gewünscht, Dr. Caspari soll in der Wohnung eine Leichenrede halten. Sie ahnte nicht, weshalb er es ablehnte. „Ich kann nicht!“ hatte er in einem Tone gesagt, der keine nochmalige Bitte aufkommen ließ. Der Prediger rühmte den Wohlthätigkeitssinn des Entschlafenen, seine unermüdliche Willenskraft, die nun so plötzlich gelähmt sei; er nannte ihn ein schaffendes Genie, durch dessen geniale Pläne Tausende in den entferntesten Landestheilen Arbeit, und damit Wohlstand und Bildung gewonnen. Susi hörte Nichts. Erst als man die Leiche aus dem Hain von Palmen, der in dem schwarz drapirten Saale gebildet war, hinaustrug, that sie einen gellenden Schrei und sank ohnmächtig zusammen. — —

Dr. Caspari hatte ihr in kluger Berechnung den Wunsch eingegeben, nach dem elterlichen Hause zu übersiedeln; er meinte, sie würde dort nicht durch Alles und Jedes an den Todten erinnert werden, der Umgang mit der Mutter werde sie beruhigen. So sah Susi nicht, was sich nach wenig Wochen in ihrem glänzend eingerichteten Hause abspielte. Die Comptoirs waren geschlossen, die Möbel unter gerichtliches Siegel gelegt, das Personal entlassen. Sie empfing Niemand, als Dr. Caspari, dessen Schwester und Mutter, so hörte sie auch nicht, was man sich in der Stadt bei der nun erfolgten Zahlungs-Einstellung ihres verstorbenen Gatten erzählte; sogar in den Zeitungen tauchten die Muthmaßungen auf, ob denn der Tod ein natürlicher gewesen, doch dem Einfluß des Dr. Caspari, an dessen reinem Charakter Niemand zweifelte und der sich öffentlich einen Freund des Verstorbenen nannte, gelang es, alle Gerüchte zum Schweigen zu bringen. Susi wurde selbstverständlich an jeder Zeitungslectüre verhindert, doch als die Hinweise in derselben zu häufig wurden, hielt es Dr. Caspari für geboten, der ohnehin leidenden Frau eine Badereise vom Arzte dictiren zu lassen. Marie begleitete die Freundin, und war wohl instruirt, wie sie Alles von ihr fern halten müsse, was sie beunruhigen könnte.

Vor ihrer Abreise hatte Susi noch einmal das Grab ihres Gatten besucht; hier erst empfand sie, wie nie im Leben, was er ihr und ihren Eltern gewesen, wie sich sein Denken und Empfinden geläutert, wie unaussprechlich unglücklich sie war, den Mann, der erst jetzt der Vertraute ihres Herzens geworden, gerade jetzt verlieren zu müssen.

X.

Wie jedes Ereigniß, das weitere Folgen nach sich zieht, wurde auch der Fall des Stern’schen Hauses eine Zeit lang eifrig besprochen. Wäre Stern am Leben gewesen, so hätte unbedingt ein Einschreiten der Staatsanwaltschaft erfolgen müssen, so indeß beruhigten sich die Gläubiger, als der Anwalt Dr. Caspari erklärte, die Witwe verzichte zu Gunsten der Gläubiger auf Hab und Gut, selbst die ihr notariell nach der Verheiratung mit Stern zugeschriebene Summe von 20.000 Thalern, sowie die ein Jahr später erfolgte Schenkung eines in gleichem Werthe stehenden Landgutes solle der Masse zugute kommen, um einen Ausgleich zu ermöglichen.

Susi’s Eltern waren keineswegs im Einklang mit dieser im eigentlichen Sinne des Wortes willkürlichen Verfügung Caspari’s; Cahen, von seinem Standpunkt als Kaufmann, meinte, Susi dürfe, ohne sich Gewissensskrupel zu machen, die ihr persönlich gemachten Schenkungen zurückhalten, sie sei es sogar sich, ihrem Kinde und ihrer Zukunft schuldig. Dr. Caspari versicherte, keinen Schritt zur Regelung der Sache mehr thun zu wollen, wenn man es ihm nicht überlasse, ganz nach bestem Ermessen zu handeln; nur durch vollständiges Verzichtleisten auf jedes ihr zustehende Recht könnte Susi die Gläubiger von feindlichen Schritten abhalten; zudem sei er überzeugt, daß, falls die junge Frau je einen Einblick in die Verhältnisse gewänne, sie keinen Augenblick zögern würde, so, wie er für sie disponirt, zu handeln, daß man jedoch, und stände eine dreifach so große Summe auf dem Spiele, ihr den Schmerz ersparen müsse, das Schreckliche mit Klarheit zu erkennen. Cahen sah endlich ein, daß er sich fügen müsse; er kannte seiner Tochter Grundsätze; zudem sprach das Vatergefühl, daß man dem geliebten Kinde jeden ferneren Schmerz ersparen müsse, zu mächtig in ihm.

„Sie können, ohne daß Susi eine Ahnung von der Sachlage hat, ein Jahresgeld für sie aussetzen!“ hatte Caspari bestimmt gesagt. „Ich weiß, wie sich Ihr Geschäft gehoben; Susi ist Ihr einziges Kind, und was ihr nach Jahren zugute kommen soll — theilen Sie es schon heute mit ihr, daß nicht der Fluch unrechtmäßigen Besitzes auf Ihnen und Ihrer Tochter Namen laste.“

Cahen war es, als ob er ein großes Opfer brächte, doch welcher Ausweg blieb ihm? Er wußte, daß Caspari sich zurückziehen würde, falls er ihm nicht willfahre, und nur durch das muthige Auftreten dieses in weitesten Kreisen hochgeschätzten Mannes war Unehre und Schande von dem Namen seines Schwiegersohnes fern gehalten worden.