Eine weihevolle, heiligschöne Stunde folgte dieser Auseinandersetzung. Wie, ach leider so selten hatten sich über dem Grabe einer unseligen Vergangenheit und menschlicher Vorurtheile zwei Menschen die Hand zum gemeinschaftlichen Bunde gereicht, die sich dessen bewußt waren, was es heißt „eine Ehe vor Gott“ führen. — Kein Priester hatte ihren Bund gesegnet, und doch war sie rein und geheiligt durch das Streben nach des Lebens unvergänglichen Gütern.

Das Casparische Haus wurde bald der Mittelpunkt jedes geistigen Lebens. Schwester Marie ist die Gattin eines angesehenen Advocaten; es ist rührend, die beiden Frauen in blühender Kinder Mitte als das Bild echten Familienglücks zu betrachten.

Vielfach taucht von Bekannten die Frage auf, wie sie denn in religiöser Beziehung ihre Kinder zu erziehen gedenken? „Zu sittlich guten Menschen,“ antwortet dann Caspari und selbst der alte Cahen, der in dem Glücke seiner Kinder auflebt, sagt: „Er wird es schon verstehen! Wir sind alle Gottes Kinder, wenn wir die Gebote der Pflicht und des Rechts befolgen.“

Thurmwächters Rundschau in der Sylvesternacht.

Wie war es doch dem alten Benda heut beängstigend in seinem behaglich eingerichteten Wohnzimmer! Es ist ihm, als sollte er ersticken, so dick und unrein schien die Luft. — Der Stundenzeiger schleicht so langsam vorwärts, als wollte das alte Jahr gar kein Ende nehmen! Noch eine halbe Stunde, und auch dieses wäre abgelaufen, wie die fünfzig anderen, die er schon hinter sich hatte, aber diese kurze Spanne Zeit will ihm zur Ewigkeit werden. Was Wunder! War er ja heut allein mit sich und seinen Gedanken, während ehedem seine treue Gattin ihm half, Sorgen und Langeweile zu verscheuchen. Zum ersten Male seit 20 Jahren verbrachte er diesen Abend allein; es litt ihn nicht mehr in der engen Stube; seinen Pelz umnehmend, eilte er hinauf auf die Thurmgallerie; hier athmete er erleichtert auf; war er ihr ja so vielleicht näher, der theuren Verschiedenen, die, so meinte er, sicher da oben einen Ehrenplatz haben müsse. Wie um sich selbst Trost zuzusprechen, hielt er Umschau in den ihm bekannten Häusern, die da vor ihm lagen; — zwar glitzte und flimmerte es überall von Lichtern und Lampenschein, doch ihn blendete dieser Glanz nicht — er ahnte, daß gar oft Kummer und Sorge da Einzug gehalten, wo hell die Kerzen strahlten, daß manch glänzendes Elend hinter jenen hohen Spiegelscheiben und den seidenen Gardinen wohnte, daß das kommende Jahr nicht ihn allein mit Bangigkeit und Schauern erfüllte. Wohl wußte er auch, wo Glück und Freude heut ihre Stätten aufgeschlagen — man kennt einander ja in einer kleinen Stadt ziemlich genau — doch wer wollte angesichts der Wechselfälle des Lebens dafür bürgen, daß mit Schluß des eben beginnenden Jahres dieselben lebensfrohen Gesichter einander noch ebenso lebensfroh zulächeln würden?

Dumpf und schwer ertönen die ersten Glockenschläge; unwillkürlich zuckt der doch sonst an diese Töne gewöhnte Alte zusammen. Jetzt setzt das Uhrwerk mit hellen Schlägen ein; eins, zwei, drei — bis zwölf. Er zählt sie alle halblaut mit, dann, als der letzte Ton verstummt, schaut er wie betäubt um sich. Da steht er allein, hoch oben über dem Häusermeer — weit droben in undenkbarer Ferne schimmern die ewigen Sterne — ihm zur Seite, um ihn, neben ihm kein fühlendes, theilnehmendes Wesen. „Allein!“ murmelt er, während Thräne auf Thräne in den grauen Bart rollt — bald aber faßt er sich; er will hinunter in seine einsame Klause, doch da ergreift ihn wieder jenes erschütternde Weh, dem er nicht zu widerstehen vermag. Er bleibt. Licht auf Licht verlöscht drüben in den Häuserreihen, auch das Rufen und Lärmen in den Straßen hört allgemach auf. Muntere Tanzweisen klingen wohl noch von da und dort an sein Ohr, fast möchte er die Glücklichen beneiden, die sich bei ihren Klängen in glücklichem Selbstvergessen wiegen und das Heute genießen, ohne an das Morgen zu denken.

Dort am Ende der Straße, in des Rechnungsrathes Stromen Hause scheint es besonders lustig herzugehen. Man feiert das Verlobungsfest der einzigen Tochter mit dem Premier-Lieutenant von Zewitz. Der Herr Rath hält auf Standesehre; er hat es nun doch durchgesetzt, daß seine Anna ihr Verhältniß zu dem Maler Angelo gelöst. — Wohl war er ein schöner, die Leute sagen sogar, ein geistreicher Mann, und Anna Stromen soll ihn unaussprechlich gern gehabt haben, dennoch — der Alte hält plötzlich in seinem Gedankengang inne. Wer geht da vor dem Zewitz’schen Hause erregt auf und ab? Er erkennt ihn genau an seinem breitkrämpigen Malerhut, der stolzen Haltung. Sollte er sie nicht vergessen haben? Einsam steht auch Jener dort in stiller Nacht — unwillkürlich vergleicht der Alte sein Loos mit dem jenes jungen Mannes; welcher ist wohl der Bedauernswerthere?

Und gegenüber vom Zewitz’schen Hause wohnt des Malers Studiengenosse, der reiche Gotthelf Andrée. Er hat ein blühendes Weib, ein glänzendes Geschäft, Achtung und Anerkennung von allen Seiten. Kann es wahr sein, was man sich erzählt? Auch ihn soll die in seiner Familie wüthende, unheilvolle Krankheit, die den Geist in Fesseln schlägt, vor einigen Tagen befallen haben; man hat ihn in eine Anstalt bringen müssen; der Arzt scheint an seiner Wiedergenesung zu zweifeln. — Den alten Benda schaudert es; er fühlt an seinen kahlen Schädel und murmelt: „Gottlob, wenn nur noch da Alles stimmt!“ Schon will er hinabsteigen, da fesselt ihn der Laut einer wunderlieblichen Mädchenstimme, die in reinsten Tönen jenes herrliche Lied: „O lieb, so lang Du lieben kannst, o lieb, so lang Du lieben magst“ wiedergiebt. Er kennt diese Stimme. Sie kommt dort unten aus dem Schulhause, in dem heute Freude und Jubel herrscht. Lisette, die treffliche Sängerin, ist vor wenig Stunden zu Besuch bei den Eltern heimgekehrt. Ein Jahr lang haben die guten Alten ihr Lieblingskind nicht gesehen; sie hat vorigen Jänner eine Stelle als Erzieherin in einer gräflichen Familie angenommen; heute kam sie unerwartet — er schaute gerade durch’s Fenster, wie sie aus ihrem Reisekorb für die Mutter den neuen Wintermantel, für den Vater den prächtigen Pelz hervorholte — das war eine Freude, eine Seligkeit, und doch weinten sie Alle — ja Mama Traugott fiel sogar ihrer Lisette unter heftigem Schluchzen um den Hals und schien sich kaum beruhigen zu können; die unerwartete Freude hatte die alte Frau ganz verändert. Jetzt saßen sie nun so überglücklich beisammen — es war unserem Thurmwart als sollte er hinunter eilen und um Einlaß bitten, daß er auch Theil an ihrem Glücke nehmen dürfe. — Oeffnete sich da nicht gerade die Thür des Schulhauses? Er kannte Jenen, der eben das friedliche Heim verläßt, nur zu gut. Josef Berndt ist sein Name; er war einst Gemeinderath und Inhaber aller erdenklicher Ehrenämter gewesen. Sein Geschäft war allgemein geachtet und warf ihm jährlich Tausende mehr ab, als er für sein luxuriös eingerichtetes Haus brauchte; damals kannte Berndt die Lehrerfamilie nicht. — Dann kam der „Krach“ — Josef Berndt war mit einem Schlage ein armer Mann geworden; er wollte dem Schicksal die Stirn bieten, sich dennoch obenauf behaupten; doch durch welche Mittel? Man wußte es leider überall. Sein eigener Neffe klagte ihn der Wechselfälschung an; er, der als Ehrenmann so hoch gestanden, wurde gefänglich eingezogen, all seiner Ehrenämter entkleidet, und als er seine Strafe verbüßte, fand er heimkehrend sein Haus leer; die Gattin hatte die Scheidungsklage eingereicht und war zu ihren Eltern zurückgekehrt. — Auch die ehemaligen guten Freunde zogen sich zurück; Lehrer Traugott, der ehedem nie in Beziehung zu ihm gestanden, war der einzige, der dem Unglücklichen als Mensch nahe trat, ihn wieder aufzurichten suchte, ihm in seinem Hause ein Ausruhen nach des Tages Last und Mühen bot. — Dort unten in der Herrengasse bewohnt Frau Berndt jetzt ein prächtiges Haus; sie lebt in Glanz und Ueberfluß; die böse Welt raunt sich allerhand in’s Ohr, wer die Kosten des Haushalts tragen mag. Unseren Thurmwart kümmert’s nicht; er ist ruhiger in sich geworden, nachdem er Umschau gehalten, denn er hat gesehen, daß es hüben und drüben und da und dort mehr Leid als Freud giebt, daß das neue Jahr gar Manchem ein ernstes Gesicht zeigt, daß die Sorge allüberall hin Eingang findet, in die Prachtsäle der Reichen, wie in die Hütten der Armuth, daß es aber auch reine Freuden giebt, die die Seele zu Gott erheben, und daß, solange der Mensch athmet, die Hoffnung nie schwinden dürfe, daß noch Alles gut werde. Erleichtert steigt er die Stiege hinab und begiebt sich zur Ruhe.