Der Engel des Friedens und der Glückseligkeit, den er drüben im einfachen Schulhause gesehen, scheint auch bei ihm Einkehr zu halten. Wunderbar warm wird es ihm um’s Herz, wenn er denkt, wie morgen Früh die Glückwünsche seiner Lieben eintreffen werden; der älteste Sohn Franz ist Disponent eines großen Pariser Hauses — seine Toni ist an einen braven Handwerker in der Hauptstadt verheiratet, der nur das eine Glück kennt, für sein geliebtes Weib und seine Kinder zu sorgen. Ja, die Kinder, die süßen Kleinen! ruft er wehmuthsvoll und möchte fast die Arme öffnen, sie an sein Herz zu drücken. Er weiß jetzt, daß er nicht allein ist, sind sie gleich nicht bei ihm, so ist er ihnen doch vereint — giebt es ja ein Gefühl, das Zeit und Raum aufhebt. Gar bald umgaukeln wundersüße Träume des alten Mannes Hirn. Er sieht demnächst seinen Franz heimkehren, ihm die liebliche Braut zuführen — auch die Toni kommt mit ihren Blondköpfchen — dann ist wieder Jubel und Leben wie ehedem im stillen Stübchen. — Seine noch vor einer Stunde so vergrämten Züge umgiebt ein weihevoller Ernst; es ist ihm als ob ihm eine innere Stimme zuflüsterte:
Denke nicht dessen, was du verloren, sondern dessen was dir bleibt!
Eine verunglückte Speculation.
Rentier Fels hatte sich seit einigen Monaten in dem Städtchen Auenthal niedergelassen; er war das Muster eines guten Bürgers, wohlthätig, gemeinnützig und trotz seines anscheinenden Reichthums leutselig und gesprächig selbst mit dem Niedrigsten. Sein Haus war eines der schönsten in den neuen Anlagen, mit allem Comfort ausgestattet, doch, wenn gute Bekannte die Annehmlichkeiten desselben priesen, pflegte er stets mit tiefem Seufzer zu antworten: „Ja, wenn sie nur nicht fehlte!“ Er erzählte dann gern, und das Herz schien ihm dabei auf die Zunge zu treten, von seiner vor Jahresfrist gestorbenen Gattin, wie er mit ihr so glücklich gelebt, wie er ihren Verlust fast nicht zu ertragen geglaubt habe, und auch schließlich — um sich nicht ganz dem Schmerz hinzugeben, — einen Wohnungswechsel vorgenommen, hoffend, die neue Umgebung werde ihm sein Leid vergessen machen. Ein Witwer in guten Verhältnissen pflegt für speculative Mütter heiratsfähiger Töchter ein beachtenswerther Fund zu sein.
Die Frau Müllerin hatte drei Töchter, die sich zwar nicht durch persönliche, wohl aber durch finanzielle Liebenswürdigkeit auszeichneten. Marie, die ältere, hatte von dem Großvater ein bedeutendes Gut, außerdem von ihrem Vater gleichtheilig mit den anderen Schwestern ein Vermögen von 20.000 fl. geerbt. Zwar schielte sie etwas, auch wollten böse Zungen meinen, daß sie nur durch Kunstmittel den schiefen Rücken verdecke, dennoch galt Marie für eine gute Partie und, als ihr Vetter Gerstner, der mit Fels befreundet war, diesem einst halb scherzend, halb ernst sagte: „Freund, Sie sollten sich wieder verheiraten, um auf andere Gedanken zu kommen — ich wüßte auch gleich eine Frau für Sie!“ da hatte Fels, als gelte es einen guten Gedanken festzuhalten, erfreut gesagt: „Wenn mich so ein Mädchen wie Ihre Cousine Marie wollte, wahrlich, ich glaube, wieder glücklich werden zu können! Das ist ein Mädchen voll Biederkeit und Kern, die muß einmal die bravste Hausfrau werden!“ setzte er schmunzelnd hinzu. Mehr bedurfte es nicht, daß Gerstner noch am selben Abend den Bescheid von der Frau Müllerin brachte, Fels möge sie des anderen Tages in der Mittagsstunde besuchen und dürfe sich des besten Empfanges gewärtig halten.
Acht Tage hernach war Müllers Marie die verlobte Braut des reichen Fels. Glücklicher, als die Beiden, denen zu Ehren nun Festlichkeiten aller Art gegeben wurden, war vielleicht Vetter Gerstner, denn zweifelsohne hätte er, dem Wunsche seiner Eltern folgend, Marie heiraten müssen, wenn es ihm nicht geglückt wäre, das zwar reiche aber ungeliebte Mädchen einem anderen Freier zuzuführen. Die Müllerin hatte Gerstner, ehe sie ihr Jawort gab, mit Erkundigungen über Fels betraut, die nach des Neffen Aussage äußerst günstig eingegangen waren. Gerstner hatte theils aus Leichtsinn, theils in dem Bewußtsein, selbst wenn unvortheilhafte Nachrichten einliefen, diese der Tante nicht mitzutheilen, jede Recherche über Fels’ Vergangenheit unterlassen; er glaubte sich auch keine Gewissensbisse machen zu dürfen, man sah ja, Fels war ein reicher Mann voll Herzensgüte und Biedersinn, ein Mädchen wie Marie müßte sich nach seinem Dafürhalten glücklich schätzen, von ihm gewählt zu werden.
Fels wünschte die Hochzeitsfeier so einfach wie möglich zu begehen und da man Rücksicht auf seine früheren Verhältnisse nehmen zu müssen glaubte, sah auch Niemand von der Familie der Braut etwas Sonderbares darin, daß Fels keinen seiner ehemaligen Verwandten oder Bekannten zur Hochzeitsfeier eingeladen. Diese fand zwei Monate nach dem Verlöbniß statt; Fels machte mit seiner jungen Frau eine Hochzeitsreise, auf welcher sie auch die Hauptstadt berührten. Marie, die schüchterne Kleinstädterin, fühlte sich befangen, da sie nun vielen ehemaligen Freunden ihres Gatten gegenübertrat. Eines Abends waren sie in Gesellschaft eines früheren Geschäftsfreundes, der eine fixe Idee zu haben schien, nämlich die, Menschen, mit denen er es gut meinte, in eine Lebensversicherung einzukaufen. Fels spöttelte zuerst über des Freundes Manie, ließ sich jedoch bald durch dessen hinreißende Suada überzeugen, daß es eigentlich Pflicht jedes bedächtigen Menschen sei, seine Zukunft sicher zu stellen, und da Marie derselben Ansicht war, beschloß man eine Polizze auf gegenseitige Versicherung in Summa von 10.000 fl. zu nehmen. Marie lachte und scherzte, als ihr Fels sagte, welche Beruhigung es ihm gewähre, sie dermal einst, wenn er nicht mehr sei, jene Summe bei der Versicherungsgesellschaft erheben zu sehen; vor ihr lag die Welt so rosig, daß es ihr fast eine Entweihung ihrer glücklichen Stimme schien, jetzt sich mit Todesgedanken befassen zu wollen.
Die Polizze wurde einige Tage hernach unterzeichnet. Fels bat seine junge Frau, Niemandem von diesem Act Mittheilung zu machen, die Leute seien voll Neid und Mißgunst, sie möchten ihnen nicht gönnen, daß sie in wohlbedächtigter Weise nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die Zukunft gesorgt. Marie war ein gefügiges Werkzeug ihres Gatten. Er wünschte es nicht und nicht einmal ihre Mutter erhielt Mittheilung.