Marie hatte auch alle Ursache, wie die „guten“ und selbst die bösen Freunde meinten, glücklich zu sein und den Wünschen ihres Gatten Rechnung zu tragen. Welch herrliches Leben führte sie nach den Meinungen Aller. Sie hatte ihr Abonnement im Theater, sie gab Gesellschaften, machte Reisen, erschien stets in gewählter Toilette — Nichts war Fels zu theuer, ihr eine Freude zu bereiten.

Das erste Grün des Frühlings rief in Fels eine unbezwingliche Reiselust hervor; er wollte die Schweiz sehen und selbstverständlich mußte ihn Marie begleiten. Mit welchen Hoffnungen trat sie die Reise an! Es war stets ihr sehnlichster Wunsch gewesen, ein Gebirgsland zu sehen; trotz ihres vielen Geldes hatte es die Mutter nie über sich gewinnen können, diesem Zweck eine Summe Geldes zu widmen.

Marie hatte schlaflose Nächte, so sehr regten sie die Vorstellungen von dem, was sich ihr darbieten werde, auf. Obgleich sonst eine nüchterne, prosaische Natur, erging sie sich in Schwärmereien, wie herrlich der Sonnenaufgang auf einem Berge, wie wunderbar die Aussicht von demselben über blühende Wiesen und Felder, wie rein die Luft, wie beglückend der Umgang mit anderen Menschen sein müsse. Ihre Schwestern hatten Recht, als sie beim Abschied sagten: Marie ist in dem einen Jahr ihrer Ehe um zehn Jahre jünger geworden; so lebhaft und glücklich hatte sie zuvor Niemand gekannt. Die Mutter, eine sonst sentimentale Frau, der bei jeder Trennung Thränen der Rührung in die Augen zu treten pflegten, vergaß sogar diesmal das übliche „Glückliche Reise!“ Weshalb ihr noch eine glückliche Reise wünschen, da sie im Widerschein des Glückes und der erfüllten Hoffnung strahlte.

Marie schrieb fast täglich; die Briefe machten die Runde unter allen Bekannten, denn der Müllerin war es keine geringe Genugthuung, ihre Marie, der man schon Glück und Zukunft, zum Mindesten eine gute Verheiratung wegen der ihr mangelnden äußeren Vorzüge abgesprochen, nun in guten Verhältnissen und an der Seite eines braven Mannes zu sehen, dessen Lebensaufgabe es zu sein schien, sie glücklich zu machen.

Plötzlich jedoch blieben die Briefe aus; schon war eine ganze Woche vergangen, ohne daß irgend welche Nachricht eingetroffen; das wirkte namentlich beunruhigend auf die Mutter; sie ließ ihren Neffen rufen, um ihn zu beauftragen, nach Innsbruck zu depeschiren, von wo der letzte Brief angelangt war. Gleich bei Gerstners Eintreten fiel ihr dessen verstörtes Aussehen auf. „Paul, Du hast irgend welche unheilvolle Nachricht!“ rief sie mit der der Mutter eigenen Divinationsgabe. Gerstner gestand, er habe heute eine Nachricht von Fels erhalten, daß Marie unterwegs bedenklich erkrankt sei.

„Aber warum theilt er es mir nicht mit!“ rief die Müllerin, Schlimmeres ahnend. „O Paul, ich bitte Dich, sage mir die Wahrheit, was weißt Du von Marie? Zeig’ mir den Brief!“

„Unmöglich!“ rief Paul verwirrt. „Er ist nicht für Sie geschrieben, Sie würden —“

„Um des Himmels Willen!“ jammerte die Müllerin; „mit meiner Marie ist ein Unglück passirt! Rede, Paul! Ich kann Alles eher ertragen, als diese quälende Ungewißheit, die mich nun schon acht Tage martert.“

„Fast glaube ich selbst,“ sagte Paul nach einigem Ueberlegen, „daß es richtiger ist, die volle Wahrheit zu sagen. Fels schreibt mir,“ fuhr er nach einer Pause fort, „daß Marie beim Bergsteigen ausgeglitten ist und sich erheblich beschädigt hat!“

„Wo ist sie, die Arme, daß ich zu ihr eile?“ rief die geängstigte Mutter.