„Man hat sie nach Innsbruck zurückgebracht, doch fürchte ich, können Sie ihr nicht helfen!“ setzte Paul zögernd hinzu.
„Eine Mutter soll ihrem Kinde nicht helfen können!“ rief die Müllerin, der das Schreckliche nicht in den Sinn wollte. „Paul, Du mußt mich begleiten, sicher ist Gefahr im Verzuge, sonst hätte mir Marie geschrieben! Wir reisen mit dem nächsten Zuge ab!“
„Aber beste Tante, vertrauen Sie mir, wenn ich Ihnen sage, daß Sie dort Nichts mehr nützen können —“
„Nichts mehr?“ rief die Müllerin in wildem Aufschrei. „So ist Marie — —“
Die arme Frau sank ohnmächtig zusammen.
Als sie wieder erwachte, saß sie stumm, fast leblos da; die beiden anderen Töchter Anna und Elise weinten schmerzlich, ihr wollte keine erlösende Thräne das Auge netzen.
„Gib mir den Brief!“ sagte sie endlich mit gebrochener Stimme. Kaum hatte sie ihn erfaßt, als er wiederum ihren Händen entfiel. „Anna lies Du!“ sprach sie, in Thränen ausbrechend. Anna begann nach einigem Zögern: „Bester Vetter! Ein schweres Unglück hat uns Alle betroffen: ich finde erst heute die Kraft, Dir Mittheilung zu machen, denn ich war, seitdem mir Marie für immer genommen, fast meiner Sinne nicht mächtig. Theile das Schreckliche den Ihrigen so schonend wie möglich mit; ich vermag es nicht! Noch sehe ich sie mir voran die Anhöhe erklimmen, leicht und glücklich, wie ein Vogel, der seine Schwingen entfaltet, da plötzlich höre ich einen Angstruf, ich eile ihr nach, sehe wie sie sich angsterfüllt an einen Strauch klammert, den sie beim Fall in die Tiefe gepackt, der Strauch gibt nach und wie sich die Wurzeln dem Boden entwinden, fehlt auch ihr der letzte Anhalt, ich muß, ohne ihr helfen zu können, mit ansehen, wie mein geliebtes Weib hinunter in die tiefe Schlucht stürzt; noch ein markerschütternder Schrei — ich wußte Alles. Man trug mich leblos in meine Wohnung und kaum eine Stunde hernach die Unglückliche, die man unten in der Thalschlucht mit zerschlagenem Schädel und gräßlich zerschundenem Leibe aufgefunden.“
Anna konnte vor Schluchzen nicht fortfahren.
„Arme, arme Marie!“ jammerte die Mutter; „so früh und so schrecklich mußtest Du enden!“ Schweren Schrittes ging sie in ihre Stube und schloß die Thür hinter sich; sie wollte mit ihrem Schmerze allein sein.
In dem Städtchen rief der Trauerfall die lebhafteste Theilnahme wach und als der trauernde Witwer eine Woche hernach völlig gebrochen zurückkehrte, war Jeder erschüttert ob seines tiefen Schmerzes. Er wollte Niemand sehen, seine besten Freunde wurden nicht vorgelassen; die Müllerin besuchte er, sie mußte ja, wie er oft sagte, seinen Schmerz verstehen. Fels sah in der That um Jahre älter aus; sein Blick war eingesunken, sein Gang schlaff; nichts schien ihm Interesse zu erregen. Er wollte Haus und Anwesen verkaufen, um nicht durch Alles an die schmerzlich betrauerte Todte erinnert zu werden.