Wohin er gehen wollte? er wußte es selbst nicht; vielleicht hoffte er durch Reisen von seinem tiefen Weh abgelenkt zu werden. Bald fand sich ein Käufer für das schöne Haus; Fels stellte ihn der Müllerin vor und bemerkte so nebensächlich, daß Herr Eckart auch das Gut, das er bisher für Marie verwaltet, übernehmen werde. Die alte Frau stutzte. So peinlich ihr jetzt, wenige Monate nach der Tochter Tode eine Auseinandersetzung bezüglich der Hinterlassenschaft war, so sagte sie doch unverholen: „Das Gut, denke ich, fällt an die Familie zurück.“ „Wir sprechen gelegentlich davon!“ hatte Fels entgegnet und begann dann unter Seufzen und Weheklagen seines Verlustes wiederum zu gedenken.

Obgleich die Müllerin eine keineswegs besonders scharfsinnige Frau war, ließ ihr doch jene Aeußerung keine Ruhe; sie sandte des andern Tages ihren Neffen Paul zum Schwiegersohn, damit er sondire, welche Bewandtniß es mit der Uebergabe des Gutes habe.

Fels verhielt sich zuerst ablehnend, es sei ihm widerwärtig, jetzt schon von Erbtheil und dergleichen zu sprechen, doch als Paul ihm ohne Hehl sagte, daß in kinderloser Ehe das Vermögen der Frau an die Familie zurückfalle, zog er schweigend ein Testament aus der Tasche, das Marie in Gegenwart eines Notars unterzeichnet hatte, nach welchem ihr Gatte dereinst ihr alleiniger Erbe sein sollte.

Paul blieb sprachlos; ehe es Fels ahnte, erhob er seinen Blick vom Papier und schaute in die Augen des ihm gegenüber Sitzenden, die eher Bosheit, List und Tücke als jenen so würdevoll zur Schau getragenen Schmerz ausdrückten. Dieser eine Moment hatte genügt, ihn einen Blick in die Seele des Mannes werfen zu lassen, der, obschon er im nächsten Augenblick wieder sein Gesicht mit jenem Schmerzesausdruck überkrustet hatte, ihm jeder Schandthat fähig schien.

„Was hat Marie bewogen ein derartiges Testament zu unterschreiben?“ fragte er kurz.

Ohne durch den herben Ton beleidigt zu sein, entgegnete Fels: „Dasselbe, was mich bewogen, sie nach meinem Ableben zu meiner Universalerbin zu ernennen.“

„Sie mögen wohl gewußt haben, wen Gevatter Tod zuerst abrufen werde?“ erwiderte Paul, doch hielt er plötzlich inne, als er sah, welchen Eindruck seine Worte auf Fels machten; bleich, einer Bildsäule gleich, saß er da und starrte ihn an. Da Paul diese Wandlung nur dem heftig sich erneuernden Schmerz zuschreiben konnte, brach er das Gespräch ab und that dem Unglücklichen innerlich Abbitte, daß er jener Vermögensregulirung wegen so unzart kaum geschlossene Wunden aufgerissen. Der Tante gab er die Auskunft, daß man den schwer gebeugten Mann jetzt mit jener Angelegenheit verschonen müsse; zwar existire ein Testament, demzufolge der überlebende Ehegatte Universalerbe sei, doch hoffe er, daß Fels jenes alte Familienerbtheil nicht in fremde Hände übergehen lassen werde.

Wenn schon die Müllerin im höchsten Grade unangenehm von jenem Testamente überrascht worden war, von dem ihr ihre sonst stets Alles vertrauende Tochter nie Etwas mitgetheilt, so war sie doch noch zu sehr von ihrem Schmerz befangen, um einen klaren Gedanken fassen zu können.

Nicht wenig erstaunt war die harmlose Frau, da sich eines Tages ein Versicherungsbeamter der Allemannia melden ließ, der von seiner Gesellschaft beauftragt zu sein vorgab, über die Todesart ihrer Tochter Erkundigungen einzuziehen.

Als die Müllerin ihr Befremden äußerte, wieso die Direction irgend ein Interesse an dem sie betroffenen Unglücksfall habe, erwiderte der Beamte lakonisch: „Weil die Direction dem überlebenden Gatten zehntausend Gulden zu zahlen hat.“