Die Geheimrätin klappte in die Hände und mahnte zur Eile. Renate lief ins Haus, auf den Flur, um nachzusehen, ob die Bücherriemen der Brüder auch alles Nötige umschlossen; dies Amt war ihr, zum Zorn von Fips und Heinz, seit zwei Jahren von der Mutter auferlegt, und sie erfüllte es so gewissenhaft, daß auch heute die Jungens auf dem Flur von ihr mit der raschen Mahnung empfangen wurden: „Wo ist dein deutsches Aufsatzheft, Fips? Heinz, dein Vocabulaire fehlt, du hast doch heute Französisch!“
Draußen gab der Geheimrat seiner Frau einen Kuß auf die Stirn. Halb neun fing er an zu operieren, es war also Zeit, in die Klinik zu gehen und sich vorzubereiten.
„Hast du viel heute?“
„Nur drei Sachen, eine davon etwas schwerer!“
Aus solchen Antworten zog die Geheimrätin dann ihre Schlüsse: Er kommt präzise, verspätet oder gar nicht zum Gabelfrühstück. Und hiernach richtete es sich, ob er mit von den allgemeinen Schüsseln zu essen bekam, ob besonders gekocht wurde für ihn, oder ob man in sein Studierzimmer einen nahrhaften und leichten Imbiß stellte. Sie hatte auch in ihrem Gedächtnis ein Register. Da stand: Gestern ist eine sehr, sehr schwere Operation gewesen, und solange Gefahr ist, darf man ihn nicht anreden, muß sein Schweigen nicht unterbrechen, muß abwarten, ob er spricht. Oder: Heute entläßt er geheilt eine Patientin, die ein halbes Jahr gelegen hat, es ist eine arme Frau, man muß daran denken, ihr noch eine kleine Freude zu machen, dann freut er sich auch. Oder: Er hat vor ein paar Tagen Ärger mit Doktor Berthold gehabt — erwähne nur nicht, daß du die Frau Doktor Berthold gestern trafst, und daß sie sich unterstand, schnippisch zu sein.
Sie hatte auch herausgefunden, daß aus unbegreiflichen Gründen an einigen Tagen der Woche die Sprechstunden überlaufener seien als an anderen; als gäbe es geheime Gesetze, denen zufolge Leidende sich vor allen Dingen am Montag, Mittwoch und Sonnabend konsultationsbedürftiger fühlten. Sie hegte einen adressenlosen Zorn in sich, wenn für diese Tage auch noch schwere Operationen angesetzt waren.
Einladungen zu Diners und Soupers besprach sie nie. Sie verfügte völlig. Für die Tochter nahm sie an, für sich und den Geheimrat behielt sie die Entscheidung bis zur letzten Stunde vor. Die Bekannten waren dazu erzogen worden, mit dieser Unbestimmtheit zu rechnen. Fühlte sie: Er wird unter keinen Umständen Zeit und Lust haben, in Gesellschaft zu gehen, erfuhr er überhaupt gar nicht, daß man ausgeladen gewesen war. Übersah sie am Mittag, daß es ihres Mannes Stimmung entsprach und ihm eine wohltätige Ablenkung sein werde, unter Menschen zu sein, so sagte sie ihm einfach: Wir werden heute abend da und da speisen.
Über diese paradoxe Wirkung, daß aus der höchsten Unterordnung eine Form von Frauenregiment sich ergeben hatte, konnte der Geheimrat amüsiert spaßen, und Wendungen, wie „wenn ich darf“ — „falls meine Frau erlaubt“, kamen bei ihm vor.
Nun ging er also; im Zimmer stieß er noch auf die vom Flur zurückkehrende Renate, die ihn mit der zärtlichen Dreistigkeit, die junge Töchter den berühmtesten Vätern gegenüber haben können, noch flink mal umarmte und um sich selbst drehte.
Dann war sie schon draußen und räumte den Tisch ab, während nun die Mutter hinter der Zeitungswand verschwand.