Renate sang ein bißchen vor sich hin. Dann unterbrach sie ihr Liedchen. Schon mit dem beladenen Teebrett in den Händen, das sie vor sich hielt, sagte sie: „Bitte, Mama — sieh mal nach — der Bericht muß doch schon drin sein — Wettfahrt Kiel-Travemünde — unter Jachten der Kreuzerklasse II — ist ‚Freia‘ placiert — Erste? Ja? Hurra. Na, das freut mich für Reiswitz — das Gewitter vorgestern — das hat die Flaute behoben — du, die ‚Freia‘ gehört dem Legationssekretär von Gamberg, der gestern abend mit bei Rosenfelds war. Er ist ein Vetter von Jutta Falckenrott. — Mama, wen magst du lieber leiden: Lisbeth Rosenfeld oder Jutta ...“

Die Geheimrätin ließ etwas ergeben die Zeitung sinken und sagte milde: „Kind, ich kenne die beiden Damen noch so wenig.“

„Aber so was weiß man doch sofort! Lisbeth ist ja lustig und lebendig — denk mal, sie hat mir gestern abend schon gesagt, daß wir uns du nennen wollen — aber für Jutta, weißt du, Mama, für Jutta schwärme ich! Sie ist so schön. Und es ist so etwas Geheimnisvolles in ihren Augen und in ihrem Wesen.“

„Es ist das Vorrecht deiner Jahre, zu schwärmen,“ sprach die Geheimrätin nachsichtig.

Renate setzte das Teebrett wieder hin.

„Glaubst du, Mama, daß Emmich Urlaub bekommt und mit uns reisen kann?“

Die Mutter lächelte.

„Kind, was kann ich davon wissen. Wir wollen es hoffen. Ich finde Papas Idee sehr glücklich.“

„Ach ja,“ sagte Renate aus vollem Herzen und machte sich zum Schoßkind bei der Mutter, zugleich beide Arme um ihren Hals legend, „es wäre zu schön. Sieh, wie genau lerntet ihr euch kennen — Emmich und ihr — wer weiß, ob ein so tägliches und nahes Zusammensein sonst jemals im Leben wieder sein könnte. Und wir lernten uns kennen! Er und ich! Jetzt ist es alles so wie ein glückseliges Ahnen — manchmal denk’ ich, es ist Traum oder Rausch — ich fühle wohl, Mama, daß es nicht diese Stimmung ist, in der man durch das Leben geht. Jetzt ist alles so heiß, so aufgeregt in mir, ich weiß manchmal nicht, ob ich lachen oder weinen soll ... Ich weiß, allmählich kommt das zur Ruhe, und dann kommt wohl so ein heiliges Wissen von Liebe und Zusammengehörigkeit wie bei Papa und dir.“

Die Mutter zog ihr Kind noch fester an sich. Und das Kind, auf der Schwelle des Frauenlebens, staunend, erregt und doch etwas furchtsam stehend, fragte flüsternd am Ohr der Mutter weiter: „Mama, ist es noch schöner, verheiratet zu sein als verlobt zu sein?“