Trotz dieser gesteigerten Temperatur in der gegenseitigen Hingegebenheit vermieden die Eltern jede Frage. Mit einer Delikatesse ohnegleichen gingen sie ganz an den unbegreiflichen und starken Gemütserschütterungen vorbei, die sie gestern an der Tochter beobachtet hatten.

Man mußte die Verabredungen innehalten, die vorgestern mit Herrn von Gamberg in Evian besprochen worden waren. Der Geheimrat selbst hatte sie angeregt, und obgleich seine Frau wünschte, daß die Tour unterblieb, weil ihr jede Stimmung dafür fehle, so fand er doch, daß ihrerseits eine Absage unmöglich sei, da keinerlei Krankheit oder drohende Wetter Hindernisse hergäben.

Um elf Uhr standen sie bereit auf dem kleinen, schmalen Bahnsteig im Schattenstreifen, den das von dünnen Eisensäulen getragene Dach hergab. Der Geheimrat in seinem grauen Anzug und Panamahut; seine Damen in hellen, kurzen Kleidern, wie zu flotten Märschen bereit. Aber er hatte vorweg die Parole ausgegeben: Anstrengungen erlaube ich heute nicht!

Der Himmel war sehr blau, wenn auch nicht ganz wolkenlos. Es sah aber schön aus, wenn die großen Wolkenschatten rasch über die besonnten Grashalden der Gebirgsabhänge zogen oder ganze Strecken der Tannenwälder plötzlich verdüstert erschienen. Droben der Felsgipfel des Rocher de Naye erhob sich unumwölkt in die glänzende Luft; man erkannte hier unten die kleine flatternde Fahne des Hotels dort oben.

Hart am Bahnsteig entlang, über den eisernen Schwellen und der gezahnten Schiene, zogen sich die dicken Drahtseile hin. Sie vibrierten heftig. Und nun kroch auch der aus zwei Wagen bestehende Zug herauf, ganz steil kam er empor wie ein kleines Ungetüm, das mit klammernden Organen keuchend bergan klimmt.

Ja, und da war Jutta. Sie errötete. Herr von Gamberg und sie saßen — zwei Touristen scheinbar — unbefangen — unter den vielen Menschen, die gedrängt die blanken Holzbänke der offenen Wagen einnahmen.

Sie grüßten schon von weitem höflich, so wie sie der in Reih’ und Glied stehenden Familie Gervasius ansichtig wurden — grüßten lachend, mit winkender Hand, mit gelüftetem Hut.

Und Jutta wurde rot ... Sie fühlte es, zu ihrer größten Verlegenheit. Und begriff sich nicht ... „Merkwürdig,“ dachte sie, „solch sinnloses Erröten.“

Jutta Falckenrott fühlte undeutlich, daß Erröten vielleicht niemals sinnlos ist, daß aus uneingestandenen Wünschen, Wissen, Schuldgefühlen, Befürchtungen — kurz aus ganz starken, aber im dunkeln bleibenden Unterströmungen die Aufwallungen kommen, die das Blut in die Wangen jagen.

Fahrgäste stiegen aus. Andere, die neben Gervasius’ auf dem Bahnsteig gewartet hatten, stiegen mit ein. In dem Hin und Her konnte man nicht Plätze nebeneinander erobern. Der Zufall drückte jeden irgendwohin. Mutter und Tochter saßen sich gegenüber vorn im Wagen. Der Geheimrat hatte noch ein Unterkommen in dem Abteil bei Jutta und dem Legationsrat gefunden. Das gefiel ihm gut, der schönen Frau gegenüberzusitzen. Sie interessierte ihn in jeder Hinsicht.