Und noch vor kurzem hatte dies Gesicht im Schlummer immer den kindlichen Ausdruck aus allerfrühesten Jugendtagen zurückgewonnen ...

Ergriffen stand sie und dachte: „Nein — es ist kein Kindergesicht mehr ...“ An der Türspalte lauschte ihr Mann. Sie trat von dem Bett hinweg, um ihm den Blick freizugeben.

Lange sah er die Tochter an. Seine Augen funkelten — von dem Naß, das sie füllte. Denn dieser spöttische Mann war merkwürdig weich dem Weh und Ach der Frauen gegenüber. — Wie sollte es ihn nicht bekümmern, daß sein Liebling sich mit Schatten herumplagte.

Still gingen die Eheleute fort. Sie sprachen sich gegeneinander nicht über ihre Empfindungen aus. Aber sie wußten es nun beide: ihre Tochter war ein Mensch geworden, der seine Erlebnisse für sich hat.

Das war der Lauf der Welt.

Sie sagten es sich im stillen und wollten philosophisch darüber lächeln ... Und ein ganz merkwürdiges Gefühl von Altwerden erwuchs ihnen daraus ... Die Erkenntnis: unsere Nachfahren recken sich schon neben uns empor ... Denn vielleicht mehr noch als durch eigene Freuden zeigen Kinder durch eigene Leiden, daß sie nun ihren Lebensgang für sich haben ...

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Am anderen Tag schien alles wieder im Gleichmaß zu sein. Der Geheimrat sah: „das Kind ist doch etwas blaß und hat einen gespannten Zug im Gesicht — hoffentlich merkt meine Frau es nicht.“ Die Geheimrätin dachte: „Keiner soll mir ausreden, daß das Kind Kummer hat, es ist Unruhe in ihrem Blick — hoffentlich merkt mein Mann es nicht.“

Und sie waren, ohne es selbst zu wissen, um ihre Tochter herum wie Hofstaaten um eine Prinzessin.

Renate spürte erhöhte Liebe und Pflegsamkeit. Und das tat so wohl, ein bißchen schmerzlich wohl — machte weich — stimmte zu gerührter Dankbarkeit. Sie hing sich mit kleinen Zärtlichkeiten an die Eltern — machte dem Papa förmlich den Hof, schenkte ihm Tee ein, strich ihm Brötchen, hielt das Zündholz für die Zigarette, war mit dem Sitz seiner Krawatte nicht zufrieden, obgleich der Geheimrat sich einbildete, ein Künstler im Krawattenknüpfen zu sein; der Mama konnte sie nicht so viele kleine Dienste tun, aber sie streichelte ihr manchmal ganz grundlos und unvermutet die Hand und nickte ihr zu.