Das Mitleid mit dieser wandelte sich, indem die Feder es beschrieb, unversehens in die Furcht vor eigenen Erlebnissen und Enttäuschungen, die sich bis zu Zweifeln an der Sicherheit ihrer Liebe steigerten.
Sie bedachte ihre Worte nicht sehr. Sie folgte nur dem zwingenden Bedürfnis nach möglichst erschöpfender und befreiender Aussprache.
Sie unterschied noch nicht zwischen gesprochenen und geschriebenen Worten und wußte nicht, daß gerade die, die lautlos nur auf dem Papier stehen, wuchtigere und härtere Stimme haben können als die anderen, deren Klang ein Blick begleitet ...
Es tat ihr wohl zu schreiben. Es tröstete mehr als alle liebevollen Reden Juttas. Denn Jutta hatte leidenschaftlich bereut, ihren Gemütszustand der jungen Freundin offenbart zu haben. Aber Renate meinte unter Tränen: „Wäre es sonst Freundschaft?!“
Und alles, was Jutta gesagt hatte, um ihr Geständnis zu mildern, um glauben zu machen, es sei ja ein ganz ungewöhnlicher Einzelfall — alles hatte Renate nur bekümmerter gemacht. Es war eben jene Art von Abwiegeln gewesen, die mehr steigert als alles Aufwiegeln. Aber das wußte Renate natürlich nicht.
Sie wußte nur: Jutta ist unglücklich, und ich werde es ganz gewiß auch werden.
Aber nebenher ging auch eine entschlossene und mutvolle Empfindung, dies Unglück ertragen zu wollen ...
Sie las den langen Brief nicht wieder durch. Ihre Feder war all diese vielen Zeilen entlanggelaufen wie über eine Brücke, die zu „ihm“ führte. Und als unter den vielen Bogen das Schlußwort stand „Deine Renate“, da war ihr: ich bin da!
Und nun erst legte sie sich auf ihr Bett, weil ihr die Eltern befohlen hatten, sie solle sich ausruhen. Sie war noch gewohnt zu gehorchen und ordnete ihre Pflichten jetzt in drolliger Naivität so, daß sie erst ihren Stimmungen nachgab und dann artig war.
Als die Mutter später hereingeschlichen kam, fand sie ihr liebes, schönes Kind fest schlafend, mit verschränkten Armen, gerunzelter Stirn und einem leidvollen Zug um den Mund ... so wie Menschen schlafen, denen ihre Erregungen noch in die Träume hinein Schrecknisse bringen.