„Du kannst recht haben,“ gab er ihr zu, „ich glaube sogar: du hast recht. Aber sieh: wenn die freudige Zuversicht unserer Renate überhaupt zu erschüttern ist, ist es da nicht gesünder, sie kämpft das jetzt mit sich durch? Zu dieser oder jener Klarheit hin?“

„O Gott ... du willst sagen?“ fragte sie erschreckt.

„Nichts will ich sagen als dies: wenn Renate erkennt, daß sie nicht in fester Haltung die Opfer zu bringen vermag, die ihres Mannes Beruf vielleicht einmal von ihr verlangen kann, dann ist sie nicht wertvoll oder nicht reif genug, ihn zu heiraten. Sie muß sich sagen, daß sie nicht nur den Mann heiratet, den sie liebt, daß sie sich zugleich auch gewissermaßen einer großen Sache angliedert, die etwas von ihr verlangt. Hat sie dazu nicht die Kraft, ist es besser, sie tritt zurück. So sehr wir das auch um des Mannes willen beklagen müßten. Denn ich mag ihn leiden. Und ich denke: du auch.“

Eine Pause entstand. Dann sagte die Geheimrätin zaghaft, mit einer förmlich kleinen Stimme: „Vielleicht ist sie doch nur von dem Bergansteigen übermüdet ...“

„Sieh, sieh — meine kluge Frau ...“ dachte der Geheimrat, und in seinen geistvollen Zügen kamen wieder allerlei kleine Boshaftigkeiten auf und sprühten aus seinen Blicken. Er lächelte in einem Gemisch von Güte und Spott. Und mit dem sechsten Sinn, den sie für ihren Mann und seine Kritik hatte, spürte sie, was in ihm vorging, und wie ihre Frauenseele vor ihm lag mit all ihren unbewußten und unlogischen Zickzackempfindungen.

Ja, ganz und gar fühlte sie sich wie von durchsichtigem Glas vor ihm. Und das beschämte sie ein wenig und beglückte sie unaussprechlich. Sie kuschelte sich noch enger an ihn und drückte ihre Wange fester gegen seine Schulter, als wolle sie durch dies nahe Anschmiegen sagen: gibt es wohl einen besseren Platz auf der Welt als diesen!

Er saß still und hatte ein gutes Gefühl von Liebe und auch von Respekt.

Oben in ihrem Zimmer aber beugte sich die junge Renate über ihren Schreibtisch, der ganz im Schatten stand. Schräge, feine Lichtlinien gingen durch diesen Schatten und streiften über den blonden Kopf, über das Papier und über die Tuchplatte des Tisches. Die Stäbe der Persienne schlossen nicht eng aneinander und ließen all diese schmalen Bänder von Sonnenschein durch.

Renate schrieb an ihren Verlobten. Sie konnte gar nicht anders, als Emmich alle Not ihres Herzens darlegen. Auf eine merkwürdige Art war ihr, als litte sie die Leiden der anderen Frau mit — als sei dies etwas Allgemeines — ein Frauenlos, das ganz gewiß auch ihrer harre, vor dem es kein Entrinnen gab, und dem sie schon voll Angst entgegenklagte.

Die herzhafte und gesunde Sehnsucht, die sie nach dem geliebten Mann empfand, wurde das Fundament, darauf sich ganz unkontrollierte und verworrene Empfindungen aufbauten. — Die Sorgen vor allem, daß es ihr ergehen könne, ja müsse wie der lieben armen Freundin.