Doch schlechtes Gewissen? Wegen Renée? Fühlt, weiß sie, daß sie ihr was in den Kopf setzte?
Es war doch recht unbehaglich. Er mochte im allgemeinen nicht, wenn Frauen sich so leidenschaftlich befreundeten, wie Jutta und Renate es getan hatten. Er hatte noch nie gesehen, daß junge Wesen dadurch klarer und zufriedener geworden waren. So ein bißchen Freundschaft obenhin, zum Lachen und zur Freude — ja. Aber Unreife sollen nicht miteinander in die Nebel und Abgründe des Lebens hinabwollen — das war immer eine unbekömmliche Geschichte; sie machen sich gegenseitig nur furchtsam. Frauenfreundschaft ist nur was für Geprüfte, dachte er.
In seiner munteren Art fragte er allerlei und erfuhr vom Legationsrat von Gamberg denn auch, daß dieser gestern abend erst mit dem letzten Zug von Genf über Lausanne eingetroffen sei, so spät, daß er sich nicht mehr habe erlauben dürfen, sich noch bei Jutta zu melden. Dafür habe er sich heute morgen mit fast unbescheidener Pünktlichkeit in der Pension eingestellt.
Und während dieses Berichtes sah er, Gamberg zuhörend und nach Gleichgültigem fragend, immer beobachtend Jutta an.
Sie fühlte es. Und errötete wieder. Ihr war, als durchschaue dieser kluge Mann sie ganz und gar. Sähe es ihr an, daß sie wieder bis in die Nacht hinein auf ihrem Balkon sich in Erwartung und Verlangen zerquält — daß ihr Schauer über die Haut rieselten, wenn in den nahen Tannen leise ein Schritt klang — daß ihr Herz rasend schlug, als sie einmal glaubte, wie einen Hauch nur, ihren Namen rufen zu hören — daß sie entnervt, fiebernd, von Ungeduld zermürbt, monoman immer dachte: „Käme er doch — käme er doch ...“ Aber er war nicht gekommen ...
Ihre Unruhe hatte das Kind förmlich angesteckt. Es schrie in der Nacht. Das war nicht mehr vorgekommen seit den allerersten Wochen. Es wurde so gut genährt und gehalten, daß es schlief, schlief, still, mit stetigem Atem, fast ohne sich zu rühren ...
Und heute morgen, als Herbert kam — früher als sie ihn erwartet hatte — da sah sie ihn nicht allein. An den Tischen auf der kleinen Terrasse frühstückten auch die anderen Gäste der Pension und saßen interessiert und bewachten Mienen und Worte. Daheim in ihren Pflichtkreisen waren sie vielleicht tüchtige und angenehme Menschen. Im Nichtstun aber offenbarten so viele ihre Inhaltlosigkeit. Es war gerade, als ob nur die Bewegungen der anderen Menschen ihnen ein wenig Bewegung bringen könnten ... und sie lauerten hungrig.
Dies erzählte Jutta jetzt. Und indem sie dem geliebten Mann zu verstehen geben wollte, daß sie ihm unter vier Augen Unendliches zu sagen gehabt hätte, machte sie eine humoristische Darstellung daraus.
„Ja,“ sagte der Geheimrat, „früher dacht’ ich manchmal, man kennt einen Menschen nicht, ehe man nicht mit ihm in der Arbeit zusammen war. Hiervon bin ich abgekommen. Arbeit hebt so sehr, daß auch Unbedeutende von ihr zu etwas gemacht werden können. Beobachte jemand beim Faulenzen, und du wirst wissen, ob du einen Menschen von höherer Kultur vor dir hast. Die Arbeitsstunde zügelt, die Feierstunde entzügelt. Da zeigt sich’s, ob einer blöde, leer, roh oder von feinsten Bedürfnissen ist.“
Der kleine Zug kroch unterdes steil bergan. Die Landschaft, indem sie zurückzusinken schien, wurde immer gewaltiger.