Voraus erhoben sich zwei kolossale Höcker: links das grasbenarbte Horn des Jaman, links der willkürlich gebuckelte Gipfel des Rocher de Naye.
Man besprach die „Aussicht auf Aussicht“. Das unermeßliche Blau erschien schöner und tiefer, weil weiße Wolken darüber hinwegsegelten — so vereinzelt — jede in stolzer Verlassenheit. Und unter ihr auf dem mächtigen Stück Erdenrücken und seinem bizarr gehaltenen Riesenmantel von Wäldern, Almen, Felsenkahlheit zogen ihre Schatten lautlos mit.
Jutta konnte von ihrem Platz aus, an etlichen Lodenhüten vorbei, gerade Renate ins Gesicht sehen und signalisierte ihr nun zu: sie möge auf die ziehenden Schatten achten.
Der Geheimrat erkundigte sich nach dem Ergehen des Töchterleins.
„O gut ...“ sagte Jutta. Ihr war, als dürfe sie nicht erzählen: es schrie die Nacht — als heiße es ihre eigene Unruhe eingestehen.
Herr von Gamberg fragte, ob alle jungen Mütter sich so um ihre kleinen Kinder abmühten; heute morgen habe er, kaum daß Frau Jutta ihm fünf Minuten am Frühstückstisch geschenkt hatte, noch allein warten müssen, weil sie vor der Abfahrt noch die Kleine versorgen wollte.
„Leider ist es nicht allgemein,“ sagte der Geheimrat.
„Meine Verantwortung ist aber auch besonders groß.“
„Weil der glückliche Vater dieses Wickelkindes das Zipfelchen Vaterland in China festhält?“ fragte der Geheimrat spaßig.
„Weil es ...“ sie brach ab. Sie hatte wieder und abermals sagen wollen: weil es nur mein Kind ganz allein ist ...