Seine Ehre hatte so genau gewußt, auf welchen Wegen und in welcher Haltung er und die Geliebte durch ihren schwierigen Liebeskampf gehen mußten, um in freiem Gefühl, unbeschädigt zueinander gelangen zu können.
Aber jetzt wußte er nichts, als daß er nur den Arm auszustrecken brauchte, um die süße Frau, die Frau, die ihm zitternd entgegenglühte, an sich zu nehmen ...
Die erhabene Einsamkeit ringsum schien den Atem anzuhalten ... Eine unerhörte Bedrängnis erfüllte die Welt ... zu seligem Tumult mußte sich alles lösen ... die Vorahnung jubilierender Wonne brauste heran.
Er tastete nach ihrer Hand. Er sah ihr in die Augen.
Kraftlos lag ihr Haupt zurückgelehnt — unter seinem heißen, bittenden Blick schlossen sich halb ihre Augen — in wehrloser Hingebung.
Noch das Zögern und Zittern von Sekunden ... Nein, kein bewußtes Zögern ... die Begierde lähmte, weil es ungeheure Tat ist, die Wonne ihrer Spannung zu lösen ...
Und in diese Hemmung hinein drängte sich jäh etwas Zerstörerisches — — —
Mit dem gleichen Herzschlag spürten sie es — jeder von ihnen anders — und doch in einer beklemmenden Einheit des Entsetzens ...
Die Frau sah plötzlich ein Männergesicht vor sich ... es gehörte nicht dem, dessen Arme sie schon umschlossen.
Es war ein bärtiges Gesicht, braun von Wetterunbilden. Und blaue, tiefe und doch freundliche Augen standen darin, in denen Güte und Zärtlichkeit leuchteten. Und so viel Zutrauen war in diesem Gesicht — nichts von lauernder Besorgnis — nichts von gespannter Eifersucht — es sah sie an, wie es sie damals angesehen in der Abschiedsstunde — als er sprach: „Kind, ich glaube an dich; es ist ja auch gar nicht wahr, daß die Abwesenden unrecht haben — im Gegenteil, ihre Abwesenheit macht sie für anständige Herzen heilig.“