Hochhagen fragte sich allerlei: ob wohl dies Gemisch von Liebesromantik und äußerster Rücksicht, von verbotenen Wünschen und starker Hochachtung für eine Frau bezaubernd war?
Er gab sich auf diese und andere Fragen keine Antwort. Er wagte es nicht. Er sah wohl: man spricht so erfahren über Frauen und kennt sie in- und auswendig.
Aber sowie man zu ihnen in eine Stellung kommt, von der aus man wirklich in ihre Seele hineinsehen kann, bekommt man die Empfindungen eines Analphabeten: man weiß wohl, da stehen tiefe Dinge, aber man kann sie nicht lesen ...
Mitten in all diesen Grübeleien erlebte er dann auch noch eines Morgens die Sensationen des märchenhaften Szenenwechsels. Er hatte während der Reise kaum auf die Bilder draußen geachtet — stumpf für alles, was draußen sich begab, war die ganze Fahrt mit ihren wechselnden Stationen, lärmdurchbebten Durchgangswagen voll Staubgeschmack, schmalbettigen Schlafcoupés, hastigen Mahlzeiten, tausend fremden Gestalten an ihm vorübergegangen, als stehe er gleichgültig still, und all dies rase unbegreiflich sinn- und zwecklos an ihm vorüber.
Nun sah er auf einmal den Genfer See vor sich und wußte: noch eine Stunde, und ich bin da ...
Der feine Frühnebel, ganz von silbernem Glanz durchwirkt, stand auf der weiten Fläche. Er breitete sich auch zart vor der Wand des Gebirges aus und machte seine Größe mild. Es waren gar keine starken Töne in dem Bild. Wunderbar keusch und leise wirkte es — ein Morgentraum.
Das tat dem Auge wohl. Wie dem Mund die fast herbe und feuchte Luft, die durch das Fenster hereinkam.
Hochhagen atmete sie förmlich mit Vorsatz tief ein. Als könne sie ihm das peinliche, brennende Gefühl in der Brust löschen ...
Er dachte nicht mehr an die unselige Frau, die zu behüten und vielleicht zu retten er gekommen war.
Er dachte nur noch an seine Liebe und seine eigene Not ...