„Gamberg?!“ rief der Geheimrat so völlig überrascht, daß diese Überraschung eigentlich wie ein Zeugnis war ...
Emmich nickte ...
„Wieder sag’ ich: unmöglich! Aber nicht ein Blick — nicht ein Ton verriet, daß ... Selbst jetzt, wo du’s sagst ... wenn ich kritisch zurückdenke ... Nichts. Du irrst! Oder, wenn du nicht irrst, ist das so tief verborgen, so ganz unter der Oberfläche, daß man nur auf raffinierteste schuldvolle Beherrschung oder — schwersten Ernst schließen dürfte ...“
„Gewiß das letztere — ganz gewiß!“ sagte Emmich mit starkem Ausdruck. „Du wirst mir glauben: wenn ich Jutta nur von fern eines leichtsinnigen Abenteuers für fähig hielte, hätte ich den fernen Freund und meinen ganzen Kieler Kreis, ohne zu zögern, brüskiert und sie von Renate ferngehalten ... Aber so! Wie sollte ich — wie konnte ich. Und nun, da ich dem Freund treu mein Versprechen hielt, seiner Frau ein Bruder zu sein suchte, nun ist mir dadurch mein eigenes Glück zerstört worden.“
„Aber lieber Emmich — ich kenne doch meine Tochter — die ist von geradem Wuchs — man kann wohl mal versuchen, sie zu verbiegen — aber das richtet sich fest und stark wieder auf — ihr werdet euch aussprechen! Ihr werdet euch wieder verstehen.“
Aber indem er das mit möglichst zuversichtlichem Ton sprach, fiel ihm schwer ins Gedächtnis, was er seiner Frau gesagt hatte: Hat Renate nicht die Kraft zu dem, was von ihr verlangt wird, so ist es besser, sie tritt beizeiten zurück ...
„Ich fürchte, ich verstehe sie nur zu gut. Sieh mal, Papa — und deshalb — damit du siehst, wie tief das liegt, deshalb sag’ ich dir das von Jutta ... Du wirst es mir nachfühlen: ich kann nicht ertragen, zu denken, Renate ist vielleicht ähnlich veranlagt, könnte, im Fall einer langen Trennung, in die gleichen Leiden und Versuchungen geraten. Das ist eine furchtbare Vorstellung. Macht mich halb verrückt, kann ich dir sagen ... Ich muß begreifen: dann ist es für sie und für mich besser, wir gehen jetzt auseinander. Ich will lieber ein einsamer Mann bleiben, als eine Frau haben, der ich nicht blind vertrauen kann. Ich will ein Mann bleiben, ein ganzer Kerl — ich liebe meinen Beruf über alles in der Welt — ich liebe auch meine Braut über alles in der Welt — entsteht da ein Zwiespalt — mein Gott, er ist ja schon da! Nun, dann muß eben das Herz bluten und verzichten! Dem Beruf hab’ ich mich angelobt mit Ehre und Eid. Ihm untreu zu werden um einer Liebe willen ... was wär’ das, wenn ein deutscher Offizier das könnte ...“
Er schwieg ein paar Augenblicke, von Bewegung übermannt.
Ganz heiß war ihm die Stimme in der Kehle.
Aber fest mußte er bleiben — ganz fest!