„Du meinst, daß Renate ...“ er mochte kaum vollenden — sah ja zweifellos: es sollte seine Tochter sein, die weniger liebte ... Er konnte es nicht begreifen.

„Ja, Papa. Ich kann mich keiner Täuschung mehr darüber hingeben: Renate fürchtet sich vor der Ehe mit mir.“

„Das ist unmöglich!“ sagte der Geheimrat festen Tones. So wankelmütig konnte seine Tochter nicht sein, das hätte doch allem widersprochen, was er seit ihrer frühesten Kindheit von ihr erwartete.

„Ja. Man hat ihren Glauben an Glück, an die Zuverlässigkeit ihrer eigenen Liebe, an die Möglichkeit einer befriedigenden Zukunft zerstört. Vergiftet hat man sie. Nicht mit Vorsatz und nicht aus bösem Willen — so wenig wie ein Kranker den Gesunden, der um ihn ist, mit Absicht ansteckt ... aber er steckt ihn eben doch oft an ...“

„Du meinst, daß Jutta Falckenrott ...“ fragte der Geheimrat.

„Das meine ich, daß die unselige Frau aus ihrem zerrissenen Gemüt, ihrem ganzen unbefriedigten Temperament heraus schädlich auf Renate eingewirkt hat. Alle innere, freudige Sicherheit hat sie ihr genommen. Wenn ich schon etwas bereute, ist es dies: sie zusammengeführt zu haben. Ich sehe freilich nicht, wie ich es hätte verhüten können, ohne den fernen Freund unheilbar zu kränken, ohne ein peinliches Aufsehen zu erregen.“

„Daß die Frau leidet, haben wir ja immer gesehen. Aber du meinst, in solchem Grade? ... So aller Selbstbeherrschung bar, daß ihr die junge Glückseligkeit einer Braut nicht Respekt einflößte?“

„Vielleicht,“ sprach Emmich erbittert, „vielleicht hat sie gar geglaubt, als Weib von Erfahrung die Unerfahrene warnen, retten zu müssen — was weiß ich, wie weit Frauen untereinander in ihren Gesprächen und Geständnissen gehen.“

„Mein altes Vorurteil gegen Frauenfreundschaft!“ dachte der Geheimrat.

„Seit langer Zeit bin ich in schweren Sorgen um die Ehe meines Freundes. Dir, nur dir und in der ernsten Lage, in der ich selbst mich befinde, sei es anvertraut: Ich fürchte, daß in der Seele dieser Frau, die in der Einsamkeit ganz mutlos geworden war, Liebe zu einem anderen Mann entstand. Aus deinem Telegramm sah ich zu meinem Schrecken, daß er hier ist. Und deshalb, nur deshalb reiste ich sofort.“