Die feine, weiße Operateurshand legte sich auf die braune Faust, die Emmich auf sein Knie gestemmt hielt.

„Ich habe eine Tochter, sie heißt Renate,“ sprach er lächelnd.

Emmich zuckte ein wenig — beherrschte sich und sagte leise, erbittert: „Und ich leide um ihretwillen ...“

Ganz sanft wie eine Frau, so vorsichtig und liebevoll fragte der Geheimrat: „Darf denn der alte Papa nicht wissen, wie das möglich ist?“

Emmich antwortete nicht gleich. Da fuhr der ältere Mann fort: „Fast seit wir hier sind, ist das Kind verändert. Nur ganz vereinzelt hat es noch sein liebes, sonniges, sorgloses Gesicht — mit all der Weichheit darin, die mich immer so gerührt hat. — Und meine Frau und ich, wir fangen an uns zu fragen: was ist denn das für eine Liebe, die so schnell aufhörte zu strahlen.“

„Das ist es ja, was ich mich auch frage,“ sagte Emmich, in großer Erregung aufwallend.

Emmich sah: die Eltern waren nicht blind — hatten auch schon ihre Beobachtungen gemacht. Er konnte — er mußte offen sein.

Auch war eine merkwürdige Erleichterung dabei ... als lüde er nun einfach dem Vater seine Last auf, der der Nächste dazu war, sie mit zu tragen — als schone er Renate, wenn er seine Sorge nicht in grausamer Deutlichkeit zuerst ihr, wenn er sie vorher dem Vater gegenüber darlegte.

„Vielleicht versteht ihr euch brieflich nicht,“ meinte der Geheimrat. „Ich hab’ es schon erlebt: Menschen, die sich Aug’ in Auge gut begriffen, schrieben sich einfach auseinander! Feder und Tinte sind oft voll geheimer Fährlichkeiten. Hier ist ein erfahrener, gereifter Mann, der schreibt. Da ist ein junges Mädchen, das noch nicht den fast unbegreiflichen Wertunterschied zwischen gesprochenen und geschriebenen Worten erkannt hat. Was meinst du, Emmich? Kann das so etwas zwischen euch sein?“

„Nein, Papa. Es ist mehr. Leider viel mehr. Kein Stilunterschied, wenn du so willst — ein Unterschied in der Liebe, im gegenseitigen Verstehen.“