Der Wagen fuhr davon, in unerwartet raschem Zug.
Jutta saß aufrecht darin, erhobenen Hauptes. Ihre Augen starrten auf die draußen, gleich einer Wandeldekoration vorüberziehenden weißen Villen zwischen dem üppigen Laub der Bäume und Büsche in der Sommernacht. Und in ihrem Ohr war als Nachhall das kleine knackende Geräusch der zufallenden Wagentür.
II
Das ganze Zimmer war erfüllt von blauer Dämmerung, von einer reinen, köstlichen Frische. In ihr konnte das kleine Wesen, von Wohlbehagen wie geschwellt, wohl einen guten Schlaf haben. Nach dem Bade lag es nun, ein appetitliches, rührend hilfloses und unbewußtes Stückchen Leben — mehr ein Pflanzen- als ein Menschenleben noch — in seinem Bettchen. Der Kopf, auf dem ein dunkler Haarwuchs zu flaumen begann, war wie eine schwere, etwas ins Längliche verformte Kugel tief hineingedrückt in das weiße Kissen, das um seine Kontur herum bauschig aufschwoll. Im Schatten der Gardinen, die von einem das Bettchen überwölbenden Krummstab herabwallten, blieben die geschlossenen Augen, das kleine Näschen beinahe verwischt — so weich waren noch die Züge. Nur der Mund war sehr deutlich in dem Kindergesicht — die Lippen bewegten sich instinktiv, lutschend, saugend, als kosteten sie noch den Wohlgeschmack der Flasche.
Mit leichten Schritten, unhörbar, ging Jutta noch umher. Sie sah nach, ob hinter dem Vorhang auch die Fensterklappe geöffnet sei, entdeckte an der Scheibe eine Wespe, die sie furchtlos und fürsorglich mit ihrem Taschentuch überdeckte und griff, um sie dann aus dem Fenster ins Freie zu schütten.
Ein letzter Blick in die Runde zeigte ihr, daß im Schlafzimmer, das auch das ihre war, und in dem neben dem großen Bett traulich das kleine stand, sich alles in feierlicher Ordnung befand. Heilige Schlafensstille webte in dem Raum, und ganz leise, leise, nur dem angestrengt lauschenden Ohr der Mutter erratbar, ging der Atem des Kindes in köstlicher Regelmäßigkeit.
Es schlief. Es schlief sich wieder ein Stückchen weiter ins Leben und in die Kraft hinein ...
Jutta ging in den Nebenraum. Das war eigentlich ihr Ankleidezimmer. Aber nun hatte das Kind seine Ansprüche und seine Herrschaft auch hierher getragen. Und auf dem Teppich stand das Gestell mit der Badewanne, und zwischen all den eleganten Einrichtungsgegenständen des Toilettentisches, auf seinem Spiegelglas und zwischen den Bürsten und Kämmen von dunkelm Schildpatt, standen Puderdöschen und lagen allerlei blauumsäumte Läppchen und Streifen. In einem zierlich mit Schleifen ausgestatteten Korb häufte sich gebrauchtes Kinderzeug.
In diesem Raum war es sehr hell. Weit geöffnet stand sein Fenster, und von draußen herein kam die salzige Sommerluft und vertrieb die lauen Baddünste.
Das Hochviereck des Fensters zeigte einen Ausschnitt aus der freien Natur. Nur in zwei Farben. Ein großes Stück knallblauen Himmels und ein paar runde grüne Wipfel, die aber so grell besonnt waren, daß sie weißlich überflimmert schienen.