So kostete es ihn keine Überwindung, über ihre Worte und ihren Ton hinzugehen, als habe er nichts in sich aufgenommen davon.
Er setzte sich zu ihr.
„Gestern abend noch, gleich nach der Quadrille, haben wir uns ausgesprochen. Ich bin schon ganz früh heute bei ihren Eltern gewesen,“ erzählte er fröhlich, „eigentlich war es eine Verlobung beim Morgenkaffee, in der Veranda bei Geheimrats. Ich verkehre ja schon lange vertraut im Hause, und Renées Eltern haben wohl wachsen sehen, was werden wollte, und nun haben sie mir ihr liebes Kind gern gegeben. Ich kann natürlich heute nachmittag nicht zu Ihnen kommen. Aber ich bringe die Bitte meiner Schwiegereltern: Nehmen Sie heute abend an der ganz kleinen, improvisierten Verlobungsfeier teil, die Gervasius’ veranstalten. Sie sind die Frau meines liebsten Freundes, meines nächsten Kameraden. Als Malte ging, hat er Sie vor allem meiner Obhut vertraut. Und meine Braut, später meine Frau wird Ihre Freundin werden. Ich hoffe es von Herzen. Und sehen Sie, liebe, liebe Frau Jutta — mir ist so, als ob meine Verlobung Sie auch ein bißchen aus Ihrer Einsamkeit befreite, an der Sie so schwer tragen — als führte ich Ihnen eine Schwester zu, die Ihnen in Fröhlichkeit manche Stunde erhellen wird. Und Renée, das kann ich sagen, schwärmt bereits für Sie — ist voll Bereitschaft, Sie zu lieben.“
„Ich danke Ihnen — ich danke Ihnen,“ flüsterte sie und drückte wieder seine Hand. Tränen drängten sich in ihre Augen. Aber sie bezwang sich. Und es schien, als wandle sich ihr die Rührung doch in schwere Gedanken. Sie zog die Brauen zusammen wie in Schmerz.
„Sie werden kommen heute abend?“ bat er drängend.
„Gewiß. Ja. Gern.“
„Liebe gnädige Frau,“ begann er wieder, „mein Herz läuft über. Alles kommt heraus und breitet sich vor Ihnen hin — all das große Glück. Aber auch ein bißchen Kümmernis. Ja, heute muß auch das heraus. Offen: mir war’s manchmal in der letzten Zeit, als käme so was wie Feindschaft gegen mich angestürmt aus Ihren Blicken und Ihrem Ton. Stellen wir’s klar. Hab’ ich was versehen? Bin ich nicht aufmerksam genug gewesen? Verzeihen Sie’s dem rauhen Seemann, der auf Freiersfüßen ging. Man ängstigt sich vor seinem Ungeschick, traut sich keine Zartheiten zu ... Aber nun bekomme ich die holdeste Vertreterin. Die wird, wo ich’s etwa nicht träfe, meine herzliche Ergebenheit immer in zarte Tat umsetzen.“
„Nicht aufmerksam genug gewesen?“ wiederholte Jutta langsam, „oh, niemand konnte mehr für eine Verlassene tun als Sie für mich. Sie können vor Malte bestehen ...“
Und sie dachte: „Ich kann es ihm nicht ins Gesicht sagen, daß ich mich bewacht und bevormundet fühlte ... bis zur Qual ...“
„Vor Malte bestehen? ... Ich will auch vor Ihnen bestehen!“ erklärte er herzlich.