Lübeck, 1. April 1911
I
Auf dem Jachtklubball in der Marineakademie, der wie immer die Kieler Woche abschloß, gewährte die herkömmliche Überzahl von Herren jeder Dame das Vergnügen, sehr gesucht und umschwärmt zu sein. Aber die Dringlichkeit, mit der in den Tanzpausen die schöne Frau Jutta von Verehrern umworben wurde, wirkte selbst hier so auffallend, daß sie sich als Königin des Festes hätte fühlen dürfen.
Es schien jedoch, als nähme sie alles mit einem erzwungenen oder zerstreuten Lächeln hin: die brüderliche Fürsorge der Crewkameraden ihres fernen Gatten und die feurige Verehrung der jüngeren Seeoffiziere.
Sie stand eben im Vorsaal des ersten Stockwerks, vor einer der Säulen, die den hohen Plafond trugen. Die etwas grelle Helligkeit, die von überall her das aufstrebende Rund des grauen Marmors traf, überstreute ihn mit gleißenden und unruhigen Reflexen, so daß ihm die gerade Linie eines Glanzlichtes fehlte. Das gab einen zu flimmernden Hintergrund für den dunkelhaarigen Frauenkopf, dessen Umriß dadurch etwas Verwischtes bekam.
Frau Jutta war ein wenig bleich, wie es manche Frauen vom Tanzen werden. Ihre Gestalt, trotzdem sie über Mittelgröße war, wirkte zart. Aus dem blassen Goldgelb ihres Chiffonkleides hoben sich in feinen Linien die Schultern hervor. Das Bestimmende an ihrer Erscheinung war vielleicht die Art, wie der schlanke Hals den Kopf trug: erhoben, in unbewußt herrischer Haltung.
Von den jungen Herren, die sich gerade um Jutta Mühe gaben, bemerkte keiner, daß ihr Gesicht vom Fest mehr abgespannt als angeregt erschien, daß sich unter ihrem Lächeln ein Zug von Schärfe verbarg. Und sie spürten auch nicht, daß der Blick aus diesen großen, dunkeln Augen zuweilen an ihnen vorbeiging und das Gewühl der Menschen rasch suchend überflog.
In einer wichtig fröhlichen Bewegung schob sich die Menge vorüber. Aus dem Hauptsaal kam sie und zog die imposanten Treppen hinab, zum unteren Vorsaal oder zum Gartensaal. Von unten kam sie herauf, dem Schauplatz ihres Vergnügens eine andere Kulisse suchend. Immerfort wechselten die Gruppen, in denen sie sich zusammenfand. Aber diese Menschenfülle wirkte dennoch nicht sehr farbig. Die dunkelblaue Marineuniform mit den goldenen Zieraten beherrschte das Bild. Die Mode begünstigte für das Frauenkleid so sehr das Weiß, daß nur ganz selten bunte Töne auftauchten. Man sah ab und zu einen der weißen Kragen und pastellblauen Röcke von „Seebataillönern“ und zuweilen den schwarzen, ordengeschmückten Frack eines Professors oder Regierungsbeamten.
Die drei jungen Herren, die vor Jutta standen — alle drei in dem kurzen Dinerjackett, das selbst den ältesten Stabsoffizieren noch etwas knabenhaft Flottes gibt — kehrten ihre dunkelblauen Uniformrücken der unruhigen Menge zu, zwischen ihr und der schönen Frau eine Wehr bildend, gleichgültig gegen alle Welt und nur bestrebt, vor der Dame ihrer Verehrung in munterer Unterhaltung zu bestehen.
„Ich finde es eine großartige Stimmung heute abend. Finden gnädige Frau nicht auch?“ fragte der Oberleutnant z. S von Reiswitz, dessen bärtiges und durch Sonnenbrand entstelltes Gesicht vor Freude strahlte.