„Ich bin ein Narr gewesen,“ sprach er hart. „Weshalb ging ich nicht am anderen Morgen zu Ihrer Mutter und forderte Sie für mich? Aus den tausend Verlegenheiten und Schwerfälligkeiten und Unschlüssigkeiten meiner damaligen Stimmungen und Pläne heraus ließ ich’s. Um all jener Kleinlichkeiten willen, von denen wir uns das Große aus der Hand schlagen lassen. Und Sie waren noch so jung! Ich hatte Ihre Mutter einmal sagen hören: eine frühe Heirat erlaube ich ihr nicht. Ich dachte: es hat Zeit. Man muß sich prüfen. Dies alles ist vielleicht nur, weil die Sommerglut im Blute kocht — Gott weiß, was ich alles dachte: Ich weiß nur eins: es war meine große Narrheit. Als ich von Ihrer Verlobung hörte, da begriff ich’s. Ich war bei der Gesandtschaft in Mexiko — ganz verstrickt von den Reizen der phantastischen und doch so traurigen und monotonen Umwelt ... Und wähnte, daß ich Sie vergessen habe. Bis die Nachricht kam ... da hab’ ich Nächte gelegen und meinen Zustand bedacht ... Ja, Jutta, Sie sagten es: auf weiten Wegen führt uns das Leben herum — manchmal so, daß wir uns vor den Kopf schlagen: mein Gott, du hast ja schon einmal an deinem Ziel gestanden und bist daran vorbeigegangen ...“
Sie schluchzte auf und legte die Stirn auf die gefalteten Hände an der Tischkante.
Er preßte fest den Mund zusammen — zwang sich zur Gefaßtheit.
In das staubige Sonnengold waren draußen unterdessen Schatten gefallen und hatten allen stumpfen Glanz weggelöscht. Fahles Gewölk rückte am Himmel empor und wuchs und stand wie ein gewaltiges Hochgebirgspanorama über den Baumwipfeln. Und aus den Wolkenbildern der Gletscher und Gipfel wuchsen Ungetüme empor, der Alpenzug formte sich um. Nun sah es aus, als ließe eine höllische Riesenesse dicken Dampf hinaufquellen zur Höhe des blauen Himmelsgewölbes.
Und Jutta weinte ...
Er trat an sie heran.
„Weint so das Glück?“ fragte er leise.
Die Stunde trug ihn fort. Er konnte nicht anders.
Sie versuchte ihre Tränen zu trocknen. Es riß sie hin zu sprechen ... sich selbst laut, endlich laut und klar ihr Elend sagen zu hören.
„Nein,“ sagte sie, „ich bin nicht glücklich. Und weil ich es nicht mehr bin, verzweifle ich an mir selbst. Ich liebte meinen Mann — drei Jahre habe ich gewartet, ehe ich seine Frau werden konnte — ich liebte ihn — und und ich kann es nicht fassen, daß die Trennung alles erschüttert hat ... ich dachte, es sei wie Felsen ... Aber seit mein Kind da ist, das keinen Vater hat — so empfinde ich’s — weil er nicht da war — er kennt es nicht — es könnte ihm ja — käme er unverhofft zurück — auf der Straße begegnen und weinen — und er wüßte nicht: es ist mein Kind und meines Kindes Stimme ... Ja, nun ist mir — als sei ich ganz von ihm losgelöst ... als sei alles zu Ende ... Nichts ist in mir wie Bitterkeit. Oft hass’ ich ihn ...“