Aber nun rächte es sich, daß sie nicht den Mut gehabt hatte, sich zu sammeln, daß sie sich mit Vorsatz durch die Stunden gehetzt hatte.
In ganz verworrenen Empfindungen ließ sie sich dem Wiedersehen entgegentreiben. Bald von dem harten Bedürfnis zur Wahrhaftigkeit erhoben, bald von dem weichen Wunsch ganz ergriffen, dem Mutterherzen nicht weh zu tun.
Müde lehnte sie in der Wagenecke. Der große Federhut, so leicht er war, schien ihr den Kopf zu belasten; in ihrem Schoß lag ihr Täschchen aus Silbermaschen. Sie hielt es mit ihren Fingern umklammert.
Die Fahrt hatte nichts Erfrischendes. Der Sommerabend war dunstig. Die salzig feuchte Seeluft durchwirkten die Dampfsäulen, die tagsüber aus den Essen der Werfte, aus den Schornsteinen der hin und her rauschenden Dampfer emporgequollen waren, mit feinen Atomen. So stand sie grau und schwer über der Stadt und der Förde und hing wie ein Schleier vor dem Bilde des jenseitigen Ufers, daß es mit all seinen hohen Hellingen, mit seinen gewaltigen Glasbauten, seinen seltsamen Gerüsten etwas Mystisches bekam. Das Zauberland moderner Schiffstechnik war da drüben, und die stehenden Dunstnebel wischten all seine drohenden Linien weich ineinander. Die Abendsonne glühte und setzte in dies feine, verschwommene Bild brennende Punkte, die an Metallteilen der Schiffe, auf einzelnen kleinen Fenstern glitzerten wie vom Zufall hingestreute Kupferflecke auf einem blaugrauen Florgewand.
Der Trott des Wagens, ein Rhythmus und keine Melodie, wirkte merkwürdig auf die Ohrnerven. Seine stumpfe Einförmigkeit hatte etwas Hypnotisierendes. Jutta hörte immerfort zu, wie die Räder rollten und die Hufe des Pferdes klappten.
Daraus schreckte sie auf. In der Nähe des Schlosses, auf dem Bürgersteig, der sich unter seiner Mauer hinzog, kam jemand gegangen.
Ein hoher, schlanker Mann, im hellgrauen Gehrock und in ebensolchem Zylinder. Vor ihm waren allerlei Fußgänger — ein paar Kinder, zwei Matrosen, eine Frau — die bildeten in ihren willkürlichen Bewegungen eine Schranke vor ihm, die sich bald öffnete, bald schloß. Jutta erkannte ihn aber schon von fern.
Sie hatte ihn heute nicht gesehen. Nur Rosen schickte er, dunkelrote; kein Wort dabei — nicht einmal seine Karte — aber sie wußte: ja, das kam von ihm! Ein Gruß der Liebe. Schweigsam und von fern ...
Sie richtete sich auf — belebt von dem Wunsch: sähe er doch! Erbebend in dem raschen Gedanken: wenn er so vorübergeht ...
Schon waren sie sich nahe, der Fußgänger und die Fahrende.