Auf dem Bahnsteig ging sie hastig hin und her, mit den Schritten nervöser Ungeduld.
Sie stellte sich ihres Mannes Mutter vor. Die Photographie von ihr, die zu Haus auf dem Schreibtisch stand, neben der von Malte, die hatte ihr das Bild der alten Frau mehr gestohlen als lebendig erhalten. Es war ein so dummes Bild. Von einer Art, wie man sie nur noch selten sieht: eben ein Mensch, der sich zum Photographieren extra hingesetzt und ein Gesicht gemacht hat.
Ja, eine kaum mittelgroße Frau war sie, mit einer breiten Taille und raschen mütterlichen Bewegungen, immer schwarz gekleidet, und auf den noch dunkeln Haaren trug sie eine Spitzenhaube, nach verflossener Mode. Und ihr Gesicht? War denn so gar kein starker Zug darin, daß Jutta es sich durchaus nicht vorstellen konnte?
Das machte ihr die Stirn heiß. Mein Gott — wenn ich sie nun nicht wiedererkenne!
Aber das war natürlich ein wahnwitziger Gedanke ... Sie würde sie selbstverständlich unter Tausenden erkennen, wenn nur erst das Gesicht hinter dem Fenster des Abteils erschiene ...
Und nun sah sie plötzlich auch Einzelheiten aus ihm ganz genau ... Sehr aufmerksame, wimpernlose, dunkelbraune Augen hatte die Mutter; und im Mund, wenn sie sprach, wurden zwischen ihren eigenen, starken und gewölbten Zähnen vier ganz flache, kleine, gleichmäßige Schneidezähne sichtbar, die ihre Künstlichkeit durchaus erkennen ließen.
Es ärgerte Jutta geradezu, daß sich ihrer Vorstellung in diesem Augenblick voll großer Spannung nun ein so kleines Merkmal so überaus deutlich aufdrängte.
Jetzt brauste der Zug heran, ein Fabeltier mit dampfschnaubendem Mund.
In der Halle dröhnte Lärm und polterte unter dem Glasgewölbe hin. Die Reihe der dunkeln, von der Patina des Kohlenstaubes monoton gefärbten Wagen hielt.
Jutta stand, und ihre Augen suchten ... Hinab, hinauf — bis eine heftig winkende Hand gerade vor ihr in einem Fensterrahmen ihr sagte: hier, hier bin ich ...