Ein paar Sekunden noch, und die Frauen lagen sich in den Armen. Sie weinten beide leidenschaftlich. Wenn dies ein Wissender gesehen hätte, würde er erstaunt gefragt haben: warum weinen sie? Aber die Frauen selbst empfanden es als das Natürliche. Keine wunderte sich über die heiße Tränenflut der anderen.
Die alte Frau hatte sich jämmerlich nach der Schwiegertochter gesehnt, die doch ihren Sohn so leidenschaftlich liebte und ihr deshalb ein Teil seines Lebens war. Vielleicht weinte sie auch aus Wichtigkeit, weil ihr Sohn ihr geschrieben hatte: reise sofort nach Kiel, hole das Kind und hilf Jutta. Und das kam ihr großartig und verantwortlich vor. Etwas weinte sie auch aus der Ankunftsbefriedigung heraus, denn unterwegs war sie immer noch erregt, in dem Bewußtsein, daß sie binnen zwei Tagen mit solchem Reiseentschluß und mit allen Reisevorbereitungen fertig geworden sei. Sie fühlte sich deshalb sehr heldenhaft und modern und hatte den Genuß gehabt, daß das Staunen und die Teilnahme ihrer Freundinnen in ihrer kleinen Heimatstadt sie an die Bahn geleiteten.
Und Jutta weinte aus ihrer allgemeinen Erschöpfung heraus. Vielleicht brach auch eine Hochflut schöner Erinnerungen jäh über sie herein, als sie die Mutter wiedersah ...
Dann kamen die prosaischen kleinen Sorgen um Gepäck und Wagen. Und all die Taschen und Schachteln schienen sich gleichsam an die hohe Stimmung zu hängen und zerrten sie herab.
Man saß im Wagen zusammen, man fuhr nach Haus.
Da war das Bett der Kleinen. Eine Stätte, wo alle Rührung wieder aufwallte und die Großmutter vor Entzücken weinte.
Es war schummerig in dem von Schlafensstille durchwobenen Raum. Nur ein Nachtlicht brannte, eine träge kleine Flamme, die auf winzigem Ölbassin wie eine blanke, gelbe Schwimmblume erblühte.
Man sah nicht viel von dem bißchen Menschentum da im zierlichen Bett. Ein rundes Schädelchen war sichtbar, dunkel überflaumt; schwer lag es in den sich aufbauschenden Kissen. Ein winziges Näschen war zu erkennen, das gegen die Leinwand des Bettuches stieß. Und noch ein Fäustchen, festgeballt — das streckte sich ein wenig unter dem Deckbett hervor.
Die junge Mutter stand daneben, ihre Hand umschloß die gebogene Stange, von der herab die Gardinen über das Bettchen fielen.
Stolz und wartend stand Jutta und sah zu, wie die alte Frau sich über das Lager bückte.