Er mußte doch, entwaffnet, lächeln.
Sie gingen an allerlei kleinen Gebäuden vorbei, bogen um ein retortenartiges Bauwerk, aus dessen Poren Teer zu schwitzen schien – Likowski sagte wenigstens, es komme ihm so vor. – Und dann standen sie vor einer Riesenwand, die sich aus hundertundfünfzig hart aneinandergepreßten Öfen zusammensetzte. Hoch über ihr zogen sich schwarze, gewaltige Rohre hin, andere kamen quer von weitem herab – mächtige Verbindungen waren diese, in denen stumm und selbsttätig und rastlos die gepulverten und gewaschenen Kohlen heranglitten, in die Öfen hineinsanken, um da in rasender Hitze zu Koks gebrannt zu werden; und Wege waren sie, in denen das noch ungereinigte Gas, aus den Gluten kommend, seinen flüchtigen Weg nahm zu den geheimnisvollen Werkstätten hin, wo ihm in wunderbaren Destillationen, Kühlungen und Prozessen seine Bestandteile an Benzol und Ammoniak entzogen wurden.
Vor dieser Wand von Öfen streckte sich eine erhöhte eiserne Plattform hin. Auf sie hinaus schob sich gerade jetzt der Inhalt eines. Eine der schmalen Türen öffnete sich. In höllischer Majestät bewegte sich ruhevoll ein fast weißglühendes Stück Mauer heraus. Und eine Gespensterhand drängte es weiter und weiter vor, eine gewaltige, schwarze, eiserne Hand, steif im Gelenk nach oben eingeknickt. Männer, mit Schläuchen bewehrt, warteten und sahen der sich langsam vorwärtsbewegenden Glutmauer entgegen. Nun stand sie. Und das an eine Hand erinnernde Eisenstück, das sie gehoben hatte, zog sich gelassen in die Tiefe des Ofens zurück, der seine Tür wieder schloß. Zugleich zischten aus den Schläuchen Wasserstrahlen und begossen das Ungetüm von Form gewordenem Feuer. Weißer Dampf quoll auf, wurde rasch ein graues, dann ein schwarzes Gewölk. Was glühende Mauer gewesen, lief dunkel an, ward schwarz und fiel nach zwei Minuten als Koks prasselnd auseinander, durchstochen und gestoßen von den langen Eisenstäben der verräucherten Arbeiter. Und es hatte etwas Phantastisches, zu denken, daß dieser Vorgang sich alle paar Minuten wiederholte und daß von diesen hundertundfünfzig schmalen Türen bald die eine, bald die andere sich öffne, um solche aufrechte Glutmauer in grandioser Sicherheit zu entlassen.
Vor dem Plateau standen Loren bereit, den Koks zu den Öfen zu bringen.
Und auf einem anderen Schienenstrang standen diese offenen, kastenartigen Eisenbahnwagen, voll von gleichmäßigen, länglichen Stücken, gleich großen Holzscheiten – nur daß sie grau waren und rauh ihre Oberfläche. Das seien »Gänze«, sagte Wynfried, das heißt: das Roheisen in der Form, wie das Werk es hauptsächlich produzierte.
Agathe hustete und ängstigte sich und hatte gedacht, alles könne auf sie herabfallen. Aber sie verriet nichts von ihrer Angst. Denn sie sah, daß der geliebte Mann dem Schauspiel mit leuchtenden Augen zusah. Sie konnte sich seinetwegen zu allerlei Heldentum zusammenfassen. – »Wenn ich liebe, kann ich alles!« dachte sie.
Wynfried erklärte. Er führte die Gesellschaft zu dem trichterförmigen Bassin, in das die kleinen Wagen der Drahtseilbahn, von den Ladebrücken kommend, die gepulverte Kohle hineinschütteten, während an der Wand dieses Bassins in stumpfer Unaufhörlichkeit ein Becherwerk das Kohlenpulver aufschöpfte und in die Rohre goß, die man oberhalb der Öfen gesehen.
Man kam an den Erzlagern vorbei, und gerade schwebten die Förderwagen einer nach dem anderen anmutig heran, kippten und warfen mit Gepolter grauen, schimmernden Magnetstein auf einen Hügel dieses Erzes. Nebeneinander lagerten sie, die Berge von Erzen, die durch ihre Farben schon verrieten, daß sie verschieden an Gehalt waren. – Und es schien, als trage jedes den Charakter seiner Heimat, als sei sein Gewand kein Zufall. Sprach nicht der silbergraue Magneteisenstein von den stillen Himmeln und beschatteten Bergseen Schwedens? In starken satten Farben glühte noch im Roteisenstein ein Nachglanz der Wärme spanischen Bodens. Und aus den Tiefen lothringischer Gruben kam dieses braune Eisenerz. Wie wunderbar sprechend – weißlich, durstig-trocken lag der Kalkstein gehäuft, und man stellte sich die staubigen Wege Griechenlands vor, von wo er kam, und sah unwillkürlich die weißüberpuderten Zypressen an den dürren Rainen trauern. –
Über den Köpfen der Schauenden zogen sich die dunklen Eisenlinien der verschiedenen Drahtseilbahnen und Rohrleitungen hin. Wasser tropfte herab – irgend woher kam roter Feuerschein. Dort drüben stand, gleich einer dünnen Säule ein Rohr. Aus seinem Munde brannte frei eine Flammensäule von Gas. Der Wind fuhr hinein und zerfaserte sie zu Gebilden von unbeschreiblicher Feinheit, in ständig wechselndem Spiel. Ihr Geleucht im schon leise verblassenden Tageslicht war unruhig. Es wurde manchmal ganz von der Luft zerfetzt, und Flämmchen schwebten sekundenschnell zusammenhanglos und wurden sogleich wieder von der großen Flamme herangerissen.
»Oh!« sagte Agathe bewundernd, »wie in der Walküre.«