»Ja, die wahrt immerzu das Dekorum. – Das ist ihre Mission, ihr Beruf, ihr Schicksal,« lachte Wynfried.

Wie dankbar war Klara, daß er keine Verstimmung zeigte. Und sie rühmte sein liebenswürdiges Wesen vor seinem Vater.

So nahm er für mehrere Tage Abschied und stellte es als wahrscheinlich hin, daß er von Warnemünde aus noch nach Rügen oder vielleicht nach den dänischen Inseln hinübersegeln werde.

Und nun hatte der Generaldirektor ihn in Lübeck getroffen, auf dem Bahnsteig der Hamburger Züge. Der Vater erzählte, was Thürauf berichtet: Wynfried habe vorgezogen, im Hotel zu übernachten, und nach einer etwas allzu späten Sitzung mit Klubfreunden dann die Zeit verschlafen. Das Gewitter sei dazugekommen – er habe den schweren Seegang gefürchtet, etwas verkatert wie er sei, und die »Klara« allein lossegeln lassen, um sie nun in Warnemünde wieder zu treffen, wohin er mit der Bahn fahre.

Klara lächelte und meinte: das wirke nicht sehr sportmäßig ...

Der Geheimrat lächelte nicht. Er hatte in Thüraufs kühlen, klugen Augen einen besonderen Ausdruck gesehen. Eine ferne, leise Unruhe wollte aufsteigen: war es vielleicht dem Generaldirektor aus irgend einem Grunde zweifelhaft, daß Wynfried auch wirklich nach Warnemünde fuhr? Es gibt so lächerlich kleine Umstände und Zufälle, die verräterisch sind. Ein Billett, das aus der Hand fällt – der Fahrplan, der aussagt, daß um diese Zeit gar kein Zug nach dem angegebenen Ziel fährt ... Aber nein. – Was für törichte Mißtrauensgedanken. – Wozu brauchte Wynfried Heimlichkeiten? Er konnte kommen und gehen, wann und wohin er wollte. – Keine Tyrannei, keine Fragen belästigten ihn.

Und er bat in seinen beschämten Gedanken dem Sohn ab, daß er immer noch nicht felsenfest im Glauben an ihn sei.

»Ich habe uns zu heute abend einen Gast eingeladen,« sagte der Geheimrat nun. Und auf Klaras fragenden Blick fügte er hinzu: »Ja – Marning.«

Sie erschrak. Aber auf dergleichen hatte sie vorbereitet sein müssen – war es auch, denn sie wußte ja, daß er seinen Posten nicht sofort verlassen könne. Da waren Formalitäten zu erfüllen – ein Offizier ist kein freier Mann. Sie wußte auch sofort, wie sie ihm ausweichen könne.

Denn es schien ihr wie Entweihung, ihn noch einmal zu sehen.