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Mit der objektiven Bewunderung des vorbildlich glatten Schenkelbruchs hatte der Professor seinen Patienten nur bändigen wollen. Aber als der ungeduldige Likowski nach vierzehn Tagen einsah, daß die Sache keineswegs so einfach sei, daß die Heilung noch Wochen in Anspruch nehmen werde, verfiel er in einen schlimmen Gemütszustand. Da man ihn zuerst wohlmeinend getäuscht hatte, glaubte er nun auch der Versicherung nicht, daß alles wieder völlig gut werden würde und seine Dienstfähigkeit gewiß nicht in Gefahr sei.

Er sah sich schon lahmend und außer Dienst!

Was ihn bei diesem Gedanken befiel, war kein Gram mehr – es war Wut.

Monate der ungeheuerlichsten Anstrengungen und Leiden in einem Feldzuge würde er wahrscheinlich kaum gespürt haben, im Hochgefühl kriegerischer Pflichterfüllung. Aber hier so still liegen und sich gefaßt erweisen, dazu war er nicht der Mann.

Er erklärte das für Frauenzimmersache. Weiber, die hätten’s in den Nerven, daß sie zäh und ergeben dulden könnten – deren Nerven seien eben dehnbarer eingerichtet. Männernerven rissen gleich.

Und die Welt, die nächste um ihn, wie die große, weite draußen, war nicht in Zuständen, die ihn hätten angenehm zerstreuen können.

Das Wort »Krieg« zitterte durch Deutschland. Jetzt endlich glaubte man es ganz gewiß. Der Herbst würde die Völker gegeneinander werfen. – Es schien kein Zweifel mehr.

Jedermann nahm sich in acht, zu Likowski davon zu sprechen. Aber er las ja Zeitungen – immer mehr – Zeitungen aller Parteien. – Und er spürte, wie der Glaube an den Krieg da als Hoffnung, dort als Furcht durch die Druckzeilen bebte. Wie die einen in heißer Opferfreudigkeit erglühten – das sah er mit glückseligem Stolz. Wie die anderen feige nur an ihr bißchen gestörtes Wohlleben dachten, erkannte er mit Zähneknirschen. Es war ihm doch das brennendste Bedürfnis, davon zu sprechen. Und wenn seine Besucher nicht davon anfingen, war es sogleich sein Gespräch, seine Frage.