Sie wollte ihre Pflicht tun – auch als Gattin. Aber es war eine heiße Sehnsucht in ihr, ihr möge Zeit vergönnt sein. – Sie mußte erst weiter sein, weniger wund vielleicht. – Ihr Wille, über das Grab in ihrem Herzen hinweg sich doch noch zu dem Gatten hinzutasten, mußte erst die Anfänge von Sieg sehen. – Sie spürte: er begann, sich leidenschaftlich in sie zu verlieben. – Und in zitternder Angst bebte sie zurück – ohne zu ahnen, daß seine keimende Verliebtheit dadurch nur angefacht ward.

So, in schwülen Unklarheiten, liefen die Wochen in einen düstern Herbst hinein.

Es war an einem Morgen, an dem die Nebel gleich dickem weißem Filz vor den Fenstern standen und jeden Ausblick wehrten. Sie hatten das Hochofenwerk und drunten den Fluß und drüben die rote kleine Stadt verschluckt.

Da fuhr ein Auto am Herrenhause vor, und Agathe stieg aus. Ein Pelzmantel, dessen Rauhwerk nach außen gekehrt war, machte ihre üppige Gestalt allzu umfangreich. Die Nerzmütze auf ihrem blonden Haar trug als Schmuck über der Stirn einen kecken Reiherbusch. Ihr Gesicht war erhitzt. Zufällig war es Leupold, der ihr die Tür öffnete.

»Ach Leupold. Wie geht es Herrn Geheimrat? Und melden Sie mich doch bei der gnädigen Frau.«

»Herr Lohmann ist verreist,« sagte der alte Diener kalt und sah an ihr vorbei.

Agathe wurde noch heißer rot.

»Ich wünsche der gnädigen Frau gemeldet zu werden,« wiederholte sie. Sie gab sich eine hochmütige Haltung. Denn sie fühlte auf der Stelle, daß Leupold sie mit Absicht falsch hatte verstehen wollen.

Und dann stand sie peinliche Minuten. Ließ Klara sie warten? Fand der Diener die Frau des Hauses nicht gleich? Wurde sie vielleicht gar abgewiesen?

Alle Schrecknisse ihrer Lage stürzten über sie her. – Gewiß – Klara wußte schon alles und wollte sie nicht sprechen. – Aber eine Unterredung mit Klara, ein Anruf ihrer Großmut – und alles war ja gut! Was sollte werden, wenn es zu dieser Unterredung nicht käme?