Würde Wynfried sie bitten: gib mich frei? Ihr ahnte: nein, das würde er nicht tun. Aber nicht etwa, weil er an der Sittlichkeit ihrer Ehe festhielt – o, die hatte er mit Füßen getreten – sondern – sondern – weil er begann, sich in seine Frau zu verlieben ...
Es war ihr, als müsse sie wahnsinnig werden bei diesem furchtbaren Gedanken.
Vor einem Jahr hatte sie gläubig auf das Wunder der Liebe gewartet.
Es war nicht zwischen ihr und ihrem Gatten erblüht.
Aber diese Art Liebe, die sie jetzt ahnte – die war ihr wie eine Beleidigung.
Sie konnte lange gar nichts denken – ging hin und her, mit beschwingten Schritten, wie auf der Flucht.
Dann kam die Erkenntnis: »Unsere Ehe – gerade unsere – mußte durch Treue geadelt werden.«
Und nun, wo sie entadelt war – mußte sie aufrecht erhalten werden? Befreite seine Treulosigkeit sie von ihrer Pflicht gegen den Gatten, gegen den Vater, gegen ihr Kind?
Nein. Sie mußte verzeihen.
Aber die Ehe fortsetzen? Wie sollte sie das ertragen?