»Hör du,« sagte er rauh, »ein Vierteljahrhundert bist du hier, und mein Leben ist für dich von Glas – sprich – was geht in meinem Hause vor – sprich – als Mensch – nicht als Diener – sprich –«

»Herr Geheimrat,« sprach der Mann blaß und verstockt, »hier im Hause geht nichts vor. Das wissen Herr Geheimrat doch selbst.«

»Mensch – keine Wortklauberei. – Sag, was du denkst.«

»Ich denke, daß die Ohnmacht und die Tränen der gnädigen Frau wohl damit zusammenhängen, daß die Baronin Hegemeister heute hier war.«

»Die Baronin –«

»Ich war zufällig auf der Diele. Und dann blieb ich da – um Wache zu halten – daß niemand horcht –«

»Warum? Die Baronin – das ist eine Freundin des Hauses – ist zahllose Male hier gewesen – was wär’ da zu horchen?« fragte er lauernd. Denn in seinem Gedächtnis war immer wach, was die alte Lamprecht ihm vor vielen Wochen schon zugetragen hatte.

»Sie ist seit Monaten nicht hier gewesen. Und – Herr Geheimrat haben befohlen, daß ich sprechen soll – und die ganze Gegend klatscht davon, daß sie und unser junger Herr ... Und ein Matrose von der ›Klara‹, der hier auf Severinshof sich ’ne Braut angeschafft hat, war neulich da zum Besuch und erzählte, daß der junge Herr nur ein oder zweimal mitgesegelt ist ... Und da dacht’ ich: die Frau Baronin hat vielleicht viel abzubitten. Und ich wollte nicht – dem Georg muß man immer mal aufpassen, daß er nicht horcht. Und ich selbst mußte mir Mühe geben, wegzuhören. Die Baronin weinte und jammerte manchmal laut. – Was soll ich noch mehr sagen ...? Mehr schickt sich nicht. Herr Geheimrat wissen auch, wie wir die gnädige Frau alle vergöttern – ich auch – ja ... Und dann der Kleine! – Nein, so was durfte nicht kommen. – Verzeihen mir Herr Geheimrat – aber Sie haben befohlen, ich sollte sprechen.«

Es sättigte ihn wohl, sprechen zu dürfen. Denn der Groll fraß ihm schon lange das Herz ab. Aber er ängstigte sich auch schwer. Sein Herr war in den letzten Monaten weniger frisch gewesen. Eine Aufregung konnte den zweiten Schlaganfall bringen, auf den er seit zwei Jahren täglich mit heimlichem Zittern gefaßt war.

Aber was der treue Mensch dann sah, benahm ihn vor Erstaunen.