Und sich in Phantastereien nie verschworen, daß sie unter keinen Umständen einen anderen nähme als den, der einem Idealbilde gleiche. – Ihre Lage brachte es nicht mit sich, ans Heiraten zu denken. Sie war ganz arm. Sie lernte kaum Männer kennen, die ihr überhaupt auch nur flüchtig die Idee erwecken konnten: der paßte für mich. Weder ein Hauptmann von Likowski einerseits, noch ein Herr Kehl anderseits regten dergleichen bei ihr an – was bei allen obwaltenden Umständen ja auch auf der Hand lag ...
Und nun wollte ein Mann sie zu seiner Frau machen, der sie auf einen solchen Platz stellte – –
Was würde sie für einen Wirkungskreis bekommen!
Das große Haus mit seinem ganzen, auf reichliche Art eingewöhnten wirtschaftlichen Betrieb. Die Kolonie Severinshof – denn da gab es noch viel zu tun – gerade für eine Frau. In viele Familien ließ sich noch mehr Segen tragen, als die Wohlfahrtseinrichtungen möglich machten. Und diese selbst noch zu erweitern und zu verbessern, war auch eine schöne Aufgabe. In der sozialen Fürsorge kann eine Frau mit begabterem Blick das Nötige und vor allen Dingen das seelisch Feinere herausfinden, als es der wohlmeinendste Mann vermag. Ja, da könnte man schaffen, sich rühren, nützlich sein. – Und als Herrin! Mit großen Mitteln, und durch Einfluß auf den alten Herrn.
War es nicht ein Unrecht gegen viele, wenn sie es ausschlug, diese Aufgaben zu übernehmen? Sie wußte aus Erzählungen, daß Wynfrieds Mutter gar keine Teilnahme gehabt und gar nicht anerkannte, daß sie Pflichten habe.
Aber sie – oh, sie würde mit heißem Willen nach Pflichten suchen.
Ihr Herz klopfte rascher – eine stolze Vorfreude wallte in ihr auf.
Und dann vor allem: den großartigen alten Mann pflegen –
Wirklich seine Tochter sein! Damit zugleich auch dem Andenken ihrer heiligen Mutter leben – viel von dem erfüllen, was deren Liebe nie gedurft ...
War das nicht herrlicher Inhalt für ein Leben?