»Aber sehr gern.«
Fräulein von Gerwald tat alles »sehr gern«. War ja überhaupt froh, wenn sie einmal in Anspruch genommen wurde.
Ihre Überflüssigkeit hier war ihre ewige Angst. Zehn Jahre war sie von Stellung zu Stellung gestoßen worden, hatte oft genug keine gehabt. Alle Damen wollten immer so schrecklich viel, was man doch beim besten Willen nicht leisten konnte, weil man es nicht gelernt hatte und sich nicht aneignen konnte.
Diese ihre Dame wollte fast nie etwas. Brauchte sie nur, um Klagen, Fragen, Sehnsucht, Toilettensorgen laut vor ihr zu bedenken. Und als Schatten, den sie auf Reisen und bei der Geselligkeit im Hause neben sich haben mußte.
Und wie gut man hier aß und trank! Wie sorglos das Geld unterwegs und daheim ausgegeben wurde! Das tat wohl – an allem durfte man teilnehmen. Die Baronin schien es nicht übers Herz bringen zu können, einen Menschen zu demütigen. Fräulein von Gerwald schwärmte für ihre Herrin, sprach ihr immer nach dem Munde und war schon in den ersten Tagen entschlossen gewesen, sich hier zu behaupten, und sollte sie auch die Augen gefällig verschließen müssen ... Nun war sie schon zwei Jahre hier, aber es hatte sich niemals die Gelegenheit zum Blind- und Taubtun gezeigt. Was der sehr befestigten und nie bestürmten Moral des häßlichen alten Mädchens doch eine wohltuende Beruhigung war.
Nun saß sie mit der Feder in der Hand, das Gesicht von beflissener Aufmerksamkeit gespannt, um flink jeden Namen zu schreiben, der bei Feststellung der Tischordnung genannt werden würde.
»Mich muß natürlich Lohmann führen – er ist zum erstenmal hier,« sagte die Baronin Agathe. Sie lag bequem in dem Rohrsessel, dessen naturfarbenes Geflecht mit buntseidenen Kissen fast verdeckt war. Und sie fragte: »Haben Sie das junge Ehepaar schon gesehen, Likowski? Sie wohnen ja doch bei der alten Lamprecht.«
»Doch. Die junge Frau; sie besucht treulichst ab und an die frühere Pflegemutter.«
»Sehr verändert?« fragte Agathe weiter.
»Ih wo. Keine Spur. Einfach und natürlich, wie sonst.«