Die letzte Hülle fiel und — — ein Totenschädel grinste mich an aus leeren Augenhöhlen ... in dem Oberkiefer staken noch ein paar gelbliche Zähne.
Ein eisiges Grauen packte mich, aber ich ließ den Schädel nicht fallen. Langsam, wie von einer unsichtbaren Hand gezogen, richtete ich mich auf und hielt meinen Spielgefährten den unheimlichen Fund entgegen.
Anni stieß einen gellenden Schrei aus. Das sonst etwas schwerfällige Gretchen flüchtete mit ein paar jähen Sätzen. Nur Elschen blieb stehen und tippte mit seinen rosigen Fingerchen auf den bleichen Schädel. Sie lachte dazu und sagte: »Was für ein komischer alter Mann!«
Die kalte Hand des Grauens ließ mich los. Ich lachte, lachte, daß mir beinahe die Tränen kamen. Dabei entglitt mir der Schädel und rollte mit merkwürdigem Ton über den Fußboden. Elschen hob ihn beinahe mitleidig auf und wickelte ihn in ihr Schürzchen.
Wir drei andern standen etwas verlegen beiseite. Zum erstenmal war sie die Überlegene, die Tonangebende.
»Wollen wir ihn begraben?« fragte die Kleine plötzlich, und wir stimmten begeistert zu.
Anni mußte sich unten nach einer passenden Schachtel, will sagen nach einem Sarg umsehen. Gretchen ging auf die Suche nach der Begräbnisstätte und dem Grabstein. Ich übernahm es, die Inschrift zu schreiben. Elschen, immer noch den Schädel im Schürzchen, lehnte neben mir und schaute bewundernd zu, wie ich mit krampfhaft festgehaltenem Federhalter meine großen, steifen Buchstaben malte.
»Lies es mir einmal vor!« bat sie, als das Werk beendet war, und ich las:
| Hier ruht unser liber Uhruhrgroßvater. |
| Gottes Brünnlein hat Wassers die Fülle. |
»Du hättest nicht diesen Spruch schreiben sollen,« sagte Anni, mißbilligend das Schriftstück betrachtend. »Auf Gräber schreibt man ganz andere Sachen. Etwas von Auferstehen oder Wiedersehen.«