Das hatte Mutterchen gesagt, als sie zum letzten Male an ihres Jungen Bett gesessen hatte. Am andern Morgen, noch ehe Hansi die Augen geöffnet, waren sie und der Vater weggereist, weit weg, zurück in das heiße Land, in dem Hansi geboren war und als kleiner Junge gespielt hatte.

Wie war es da so schön! Wie ein langer, leuchtender Sonnentag! Ein bißchen heiß war es ja manchmal gewesen, aber dann hatte ihn die freundliche, braune Ayah gefächelt, und Mutterchen hatte ihm erlaubt, wie ein kleiner Hindujunge, nur mit einem Lendentuch bekleidet, herumzuspringen. Und da war eine große, mattenbedeckte Veranda gewesen und ein prächtiger Blumengarten und das weite, blaue Meer, in dem er jeden Morgen gebadet, und das ihm so viele schöne Muscheln geschenkt. Ja, und einmal war eine dabei gewesen, die sah drein, als habe sie ein Tigerfellchen angezogen, und sie hatte etwas ganz Wunderbares in sich verborgen — — das Rauschen des Meeres. Man mußte sie nur dicht ans Ohr halten, dann hörte man es deutlich, und wenn man die Augen schloß, konnte man denken, nahe bei Vater und Mutter zu sein.

Jetzt wohnte Hansi in einem großen Haus mit vielen andern Buben zusammen. Eine Veranda gab es da nicht, nur weite, helle Stuben, die ein wenig leer und nüchtern dreinsahen. An den Wänden hingen keine Bilder, und nirgends standen Blumentöpfe oder schön geformte Vasen. Natürlich, in einem Haus mit so vielen wilden Buben konnte man derartiges nicht haben. Mutterchen wenigstens hatte den Mangel so erklärt.

Wenn sie nur ein bißchen weniger wild gewesen wären, diese Buben! Hansi fürchtete sich vor ihnen, oft unnötigerweise, denn im Grund meinten sie es gut mit dem neuen Kameraden. Aber er war so verträumt und so fabelhaft leichtgläubig, der kleine Hansi. Das verlockte sie immer aufs neue zu Neckereien aller Art. »Hansi, du mußt einmal ein Sandmännchen werden und mit einem Karren herumziehen und Sand verkaufen!« sagte einer der Buben. Hansi schaute kläglich drein und meinte: »Ich will aber nicht!« — »Ja, du mußt eben, du mußt!« gröhlte die ganze Bande. Sie lachten aus vollem Halse und sahen ohne alles Mitleid, wie in Hansis Augen eine heiße Angst aufwachte. Vielleicht daß ihnen die dummen Worte leid gewesen wären, wenn sie gewußt hätten, daß sie wochenlang wie ein schweres Gewicht auf Hansis Herzen lagen. Ja, wochenlang. Dann auf einmal kamen ihm Mutterchens Worte in den Sinn: »Wenn wir uns wiedersehen, ist mein Hansi ein großer, strammer Bub.« Also noch ein Bub! Da konnte Mutter doch gewiß verhindern, daß er ein Sandmännchen werde. Hansi ward darüber so froh, daß er einen bescheidenen kleinen Luftsprung machen mußte. Dann lief er in den großen Hof hinunter, wo die andern Jungen spielten und schrien, und schrie zum erstenmal in seinem Leben tüchtig mit.

Der Hof erinnerte in nichts an den herrlichen Blumengarten. Nur in einer Ecke war ein kleiner Abglanz davon. Da hatten die größeren Buben ihre Gärtchen. Jedem gehörte ein schmales Beet, das er selbst bepflanzen durfte. Wie sehr liebte Hansi diese kleinen Gärten! Keiner der eigenen Besitzer wartete mit größerer Spannung auf das Erblühen einer Knospe, auf das Aufgehen irgend eines geheimnisvollen Blumensamens.

Die großen Jungen fanden es oft recht angenehm, den Kleinen helfen zu lassen. »Er tut es ja so gern,« entschuldigten sie sich vor sich selbst, wenn sie sahen, wie er mit glühendem Gesicht die Beete von Unkraut und Steinen säuberte. Aber keiner dachte daran, dem kleinen Hansi ein Stückchen, ach! nur ein winziges Stückchen zu geben. Und er mußte noch so lange auf ein eigenes Gärtchen warten! Wer in die dritte Klasse eintrat, bekam eines zugewiesen. Hansi aber gehörte noch zu den »Nullten«. So nannte man die Bürschchen unter sechs Jahren, die noch nicht zur Schule gingen. Manchmal waren deren zwei, drei, oder noch mehr beisammen, aber als Hansi ins Haus gekommen, waren eben alle Nullten stolze »Erstklässler« geworden, und Hansi war die einzige kleine Null. Das war dem guten Mutterchen gar hart erschienen. Sie hatte wohl vorausgesehen, wie verloren die kleine Null in dem großen Hause herumwandern werde. Den ganzen Vormittag hindurch waren Lektionen; für Hansi war niemand da, und so ging er mit seinen kleinen, immer noch ein bißchen trippelnden Schritten treppauf, treppab. Oft blieb er vor einem Klassenzimmer stehen und hörte ein Weilchen zu. Es freute ihn, wenn er die verschiedenen Stimmen unterscheiden konnte. »Das ist Gerhard und das Karl und das Fritz.« Er konnte sich beinahe einbilden, mit im Klassenzimmer zu sein wie ein richtiger großer Junge. Ach, wenn doch das Frühjahr bald kommen wollte!

Aber vorerst war es Juni. Im Juli und August waren lange Ferien, das wußte Hansi. Alle Jungen sprachen von diesen Ferien. Jeder war irgendwohin eingeladen, zu Verwandten oder guten Freunden, und jeder hatte etwas Schönes von den kommenden Wochen zu erzählen.