»Nun weine nur nicht mehr! Hat es denn gar so weh getan? Wo bist du denn gefallen? Komm, jetzt machen wir: Heile, heile Segen! Drei Tag' Regen, drei Tag' Schnee — tut dem Kindchen nimmer weh!«

In ihrer Stimme lag etwas so Beruhigendes, daß Hansis wildes Schluchzen allmählich verstummte. Da stellte ihn die Frau wieder auf die Erde, putzte ihm das Näschen und ging eilig, um in der Küche ihre Befehle für das Abendbrot zu geben.

Der große Ernst stand etwas verlegen neben dem kleinen Kameraden. »Hansi,« sagte er, »nun paß einmal auf: du mußt nicht allein dableiben. Du bist auch eingeladen, zu deiner Tante in den Schwarzwald. Dort ist's schön, freu' dich nur! Auf Karl brauchst du nicht zu hören, der schwatzt nur dummes Zeug.«

Hansi sagte nur das eine Wörtchen »O«, aber seine Augen sahen dabei so glücklich und dankbar drein, daß es dem großen Ernst ganz merkwürdig warm ums Herz wurde. Zärtlichkeiten waren unter den Jungen verpönt. Aber nun konnte er nicht anders: er bückte sich und küßte das strahlende Gesichtchen vorsichtig und rasch.


Ende August rückte Hansi wieder in die Anstalt ein. Er brachte ein sonnenverbranntes Gesichtchen mit und frohe, blanke Augen, in denen sich viel Liebes gespiegelt hatte. Das war deutlich zu sehen. Und ebenso deutlich war zu sehen, wie die Augen allmählich den frohen Glanz verloren und wieder den alten suchenden, verträumten Ausdruck gewannen.

Und doch war eigentlich niemand unfreundlich mit dem Kleinen. Nur ... es hatte niemand Zeit für ihn. Das war es. Die Hausmutter und die Mägde hatten alle Hände voll mit dem großen Haushalt. Der Hausvater und die Lehrer beschäftigten sich wohl auch außer den Stunden mit den Buben, aber Hansi war meist zu klein, um bei den verschiedenen Unternehmungen mittun zu können. Nur der Singlehrer gab sich hie und da mit ihm ab. Der hatte ihn einmal ein Lied, das ihn seine Ayah gelehrt, singen hören, und seither durfte Hansi in der Singstunde der Kleinen mitsingen. Ja, und manchmal durfte er auch noch nach der Stunde eine Weile bei dem freundlichen Herrn bleiben, der ihm auf dem Klavier allerlei vorspielte.