Das tat ihm jetzt leid, und allerlei Gelübde und Vorsätze stiegen in ihm auf. Er strich sich mehrmals über den Kopf, der so kahl war wie der seines Sohnes und sagte halblaut: „Du wirst sehen, Peter, ich werde jetzt immer gut zu ihr sein.“
Peter jun. sog an den Fingern und zwinkerte mit den Augen. Er hatte offenbar kein Verständnis für seines Vaters Worte. Dieser aber, dem es nicht oft vorkam, daß er an einem Arbeitstag untätig auf einem Stuhle saß, verfiel in ein tiefes Sinnen, das ihn weiter und weiter in die Vergangenheit zurückführte.
… War er das? Ein hübscher Bursche mit welligem Haar und immer lachenden Augen. Komm her, du junges, du strahlendes Leben! Laß dich umarmen! Fallen einem die Sterne nicht in den Schoß – – hei! so holt man sie eben herunter! – – Es war doch nicht so leicht gegangen … Man tappte in allerlei Dunkelheit und war endlich froh, als man in bekleisterter Schürze in Buchbinder Bergers Werkstatt stand. Das ging so ein paar Jahre. Na ja, es waren ganz gute Jahre, und dann glänzte doch endlich ein Glücksstern auf. Die Meisterstochter … Elisabeth. Man nannte sie meist Betty, aber ihm gefiel der lange, klingende Name, und er sagte ihn leise und laut. Nun, er war ja immer noch ein leidlich hübscher Kerl, und die lachenden Augen hatte er sich nicht verkleistern lassen. So kam es, daß die niedliche kleine Betty „Peter“ sagen lernte, und der Arbeiter ward zum jungen Meister.
Peter Niemeyer jun. bewegte sich unruhig, aber sein Vater bemerkte es nicht. Er durchlebte wieder die ersten Jahre seiner Ehe. Süße, heimliche Glücksbilder stiegen vor ihm auf, dann solche mit ernsterem Gesicht. Abende, an denen er versucht hatte, seine junge Frau teilnehmen zu lassen an dem, was er in stillen Stunden gedacht und gelesen. Er wollte sie mit hineinziehen in die einsame Welt seiner Gedanken, aber sie ging neben ihm mit stummen Lippen. Und es erhoben sich wie feine Schatten die ersten Gefühle der Enttäuschung.
Elisabeth … Elisabeth … Er rief den klingenden Namen nicht mehr oft. Betty ließ sich kürzer und herrischer sagen. Er erlebte Stunden, da er sich betrogen erschien, und doch waren es die Stunden, in denen er klar sah, daß nicht sie, sondern er sich verändert hatte. Wie süß hatte ihm einst ihr Geplauder geklungen! Gerade das, daß sie in lebhaften Worten über Alltägliches sprechen konnte, war ihm reizvoll erschienen. Nun quälte ihn der nichtssagende Wortschwall. Einst hatte es ihn belustigt, daß die kleine Frau beim geringsten Anlaß in Aufregung geriet, später verletzte ihn dieser Mangel an Würde.
Peter jun. stieß einen quietschenden Schrei aus. Da öffnete sich eine Türe, und die Pflegerin trat herein. „So, so, hat er dich schreien lassen!“ sagte sie mit vorwurfsvollem Blick auf den träumenden Vater. Sie nahm das kleine Bündel aus den Kissen und brachte es in die Schlafstube. Peter Niemeyer war damit entlassen und hätte sich wieder nach seiner Werkstatt begeben können, aber er blieb sitzen.
Er starrte auf die Stelle, an der das Kind gelegen. Sein Kind … ja – und auch Elisabeths. Da war nun wirklich etwas, in das sie sich teilen konnten, etwas, das ihnen beiden lieb und interessant war. Fünfzehn Jahre lang hatte er auf dieses Glück gewartet. Fünfzehn Jahre … konnte man sich danach wieder zusammenfinden?
Peter Niemeyer seufzte schwer. Er stand auf und ging nach der Türe, durch die die Pflegerin verschwunden. Seine Frau schlief.
Er setzte sich an ihr Bett und betrachtete ihre müden, noch immer feinen Züge. Ein warmes Gefühl wallte in ihm auf. „Elisabeth!“ sagte er leise und innig und streichelte ihre Hand. Darüber erwachte sie und blickte staunend in ihres Mannes bewegtes Gesicht. „Elisabeth! Nun haben wir ja endlich das Kind.“
Es war, als überwältigte ihn noch einmal der Jammer der einsamen Jahre, den sie nur unklar empfunden. Sie gehörte zu den Frauen, die in ihrem stärksten Empfinden Gattin sind. Sie vergötterte ihren Mann. Beinahe widerspruchslos stimmte sie seinem Reden und Tun bei, und nie kam ihr der Gedanke, daß sie ihm nicht nur bewundernd, sondern auch ratend und mahnend zur Seite stehen sollte. So hatte sie durch ihre blinde Liebe eine Selbstherrlichkeit in ihm großgezogen, die ihn in den Augen anderer oft lächerlich erscheinen ließ und ihr selbst manche bittere Stunde brachte.