Aber sie konnte rasch vergessen. So war ihr denn in dem Augenblick, da sie ihres Mannes streichelnde Hand verspürte, es sei alles gut geworden und werde immer so bleiben. Es kam ihr nicht zum Bewußtsein, daß sie ihres Mannes Seele nicht kenne, daß sie so stumm vor ihr liege wie die ihres neugeborenen Sohnes. Es kam ihr auch nicht zum Bewußtsein, daß ihr dieser Tag in dem hilflosen, unbefleckten Seelchen ein Geschenk gegeben, so groß und schön, daß ein sehr starker oder sehr leichter Sinn dazu gehört, um vor der Verantwortung nicht zu zagen.


Peter war in den ersten Jahren seines Lebens ein zartes Kind. Wenn Frau Elisabeth ihn spazieren fuhr, so brach wohl die eine oder andere der Freundinnen in die teilnehmenden Worte aus: „Der ist aber blaß! Sieh nur die Adern an den Schläfen! Ich frage mich, ob du ihn davonbringst.“ Und dann priesen sie ihre eigenen rotbackigen Kinder.

Aber der kleine Peter gedieh, allen Prophezeiungen zum Trotz. Er kriegte blanke Zähnchen und lernte den Gebrauch der Beine. Er fing an Tierstimmen und Menschenworte nachzuahmen, und dann kam der Tag, der glückselige Tag, wo er in einer kleinwinzigen Hose in seines Vaters Werkstatt stolzierte. Von da an trieb er sich gerne unter den hohen Tischen herum, eifrig bunte Papierabfälle sammelnd, die er mit dem großen Pinsel zusammenkleisterte. Hände und Kleider bekamen dabei ihr gut Teil ab zum Ärger der Mutter, die ihr Bübchen immer schmuck haben wollte. Der Vater aber lachte. „Er hat es eben im Blut! Gelt, Peter, du wirst einmal Vaters erster Arbeiter und kriegst den guten Platz am Fenster?“ – „Ja, wenn ich groß bin,“ sagte Peterchen, „aber –“ fügte er zögernd hinzu: „Mutter soll auch mit dabei sein.“

Er war in diesen Tagen so sehr seiner Mutter Kind, daß er es nicht ertragen konnte, lange von ihr getrennt zu sein. Wenn sie kochte, stand er mit einem Rührlöffel in der Hand ernsthaft neben ihr. Er begleitete sie auf allen Gängen und schlief nur ein, wenn sie an seinem Bettchen saß. Des Morgens aber erwachte Frau Elisabeth daran, daß vorsichtige Fingerchen ihre Augenlider in die Höhe zogen, und sie schalt nie, sondern hob die Decke und ließ den kleinen Ruhestörer unterschlüpfen. Das ging so heimlich und still, und die Unterhaltung, die nun zwischen Mutter und Kind geführt wurde, war eine so leis geflüsterte, daß der Vater nicht daran erwachte.

Frau Elisabeth war diese Morgenstunde die süßeste am Tag. Wie weich und warm schmiegten sich die jungen Glieder in ihren Arm. Wie klopfte das Herzchen so rasch, so rasch … Sie spielte mit dem dunkeln, lockigen Haar, das der Junge von ihr geerbt. Auch die vollen, roten Lippen waren die ihren, und der Vater hatte dazu sein energisches Kinn gegeben. Aber sonst glich der Kleine keinem der Eltern. Vielleicht, wenn das Bild irgend eines Vorfahren aufbewahrt worden wäre, hätte man darauf die lange, schmale Nase und die trotzige Stirne gefunden, und auf einem andern vielleicht die schwarzen Brauen, die über der Nase zusammenwuchsen. Augen hatte der kleine Peter sehr seltsame. Sie waren von dunkelm Grau, groß und sanft, und es lag wie ein feiner Schleier darüber. Aber in der Erregung zerriß der Schleier, und die Augen glühten und schauten nahezu schwarz.

Frau Elisabeth erschrak jedesmal darüber. Es packte sie die bange Ahnung, daß eine Zeit kommen könnte, in der es ihr nicht mehr gelingen würde, die wilden Augen zu beruhigen. Aber sie schob diese Gedanken von sich. Noch war das Peterchen klein, und wenn sein Seelchen in Not kam, schrie es nach ihr, nur nach ihr. Das tat nicht nur ihrem Herzen, nein, auch ihrer Eitelkeit wohl. Trotz aller Demut, die sie im Verhältnis zu ihrem Mann empfand, war sie eine Natur, die nach Lob und Bewunderung verlangte. Noch immer schwelgte sie in der Erinnerung an die Zeit, da sie die umworbene und gefeierte Betty Berger gewesen und führte diese Tage in ihren kleinlichen Zänkereien wieder und wieder an. In des Kindes Augen nun stand sie groß und unantastbar.

Das späte Mutterglück hatte übrigens ihre Liebe zum Gatten nicht beeinträchtigt. Der kleine Sohn mußte stets hinter dem Vater zurücktreten. Das wußten beide, der kleine und der große Peter, und sie nahmen es zu Zeiten mit einem leisen Erstaunen wahr, in das sich beim kleinen ein unverstandener feiner Schmerz, beim großen ein unbehagliches Schuldgefühl mischte.

Peter Niemeyer hatte redlich versucht, sein dem kleinwinzigen Sohn gegebenes Wort zu halten. Er wollte gut sein zur Mutter seines Kindes, und einige Wochen gelang es ihm. Frau Elisabeth erlebte wieder wie in den ersten Jahren ihrer Ehe eine Zeit zarter Fürsorge; aber zu einer inneren Annäherung kam es nicht. Und Peters Stimme bekam wieder den alten selbstherrlichen Klang, und er zeigte sich, nach Art launischer Menschen, den einen Tag zu Scherz und Lachen aufgelegt, den andern reizbar und wortkarg. „Die Kluft zwischen uns ist zu groß, da ist kein Verstehen möglich,“ dachte er mißmutig.

Ach, da war wohl eine Brücke, die ihn wieder und wieder zu ihr getragen hätte … Für Güte und Erbarmen ist keine Kluft zu groß.