Der kleine Peter kam zur Schule. Das war ein Ereignis für die ganze Familie, und jedes nahm es auf und verarbeitete es seiner Art entsprechend. Dem Vater schien es der erste Schritt zur künftigen Kameradschaft. Nun lernte der Junge, jedes Jahr ein bißchen mehr. Zeigte es sich, daß er einen hellen Kopf habe, so konnte man ihn aufs Gymnasium schicken. Studieren … nein, das sollte er nicht. Das Geschäft ging gut, es durfte nicht in fremde Hände übergehen. Aber abends, da wollten sie zusammensitzen und lesen und sprechen. O, der Junge mußte nicht glauben, er, der Alte, sehe nicht über den Kleistertopf hinaus! Er war auch in guten Schulen gewesen, und überhaupt – früher wurde viel besser und gründlicher unterrichtet … Merk' er sich das, mein Herr Sohn!

Peter Niemeyer pfiff, als er bei seiner Arbeit diese und ähnliche Gedanken bewegte, fröhlich vor sich hin. Unterdessen saß Frau Elisabeth im Wohnzimmer und weinte. Sie wußte selbst kaum warum, aber ihr war so traurig zumute, als sei ihr etwas Liebes gestorben. Vor einer Stunde hatte sie das Peterlein zur Schule gebracht. Er war einer der niedlichsten kleinen Schüler, das hatte sie mit Stolz festgestellt. Und er hatte den Lehrer artig gegrüßt und war nicht so blöde, mit dem Finger im Mund, dagesessen, wie Bäcker Brauns Jüngster. Aber als sich nun die begleitenden Mütter und Väter und älteren Geschwister zum Gehen anschickten, war das Peterchen heulend aus der Bank gesprungen und hatte sich an ihrem Kleid gehalten und Mutter geschrien, ohne auf ihre Trostworte zu achten. Zuletzt hatte sie ihm Dampfnudeln zum Mittagbrot versprochen, und das hatte geholfen. Das Peterchen war in die Bank zurückgekehrt und sie nach Hause.

Und nun saß sie da und weinte nach dem Kind, und das arme Büblein dachte wohl im stillen auch nur an sie. Ach, es gab doch recht schwere Dinge durchzumachen! Und so allein war man mit seinem Kummer, denn dem Mann durfte man nicht klagen. Er wurde gar leicht ungeduldig.

Frau Elisabeth schlang die Hände ineinander und schaute durchs Fenster. Es kam ihr plötzlich in den Sinn, daß sie an die Bereitung der versprochenen Dampfnudeln gehen müsse, aber sie blieb ruhig sitzen. Es war so angenehm, in diesen halb traurigen, halb süßen Gedanken zu schwelgen. „Alle Mütter sind Märtyrerinnen,“ ja, das hatte sie einmal gelesen und sehr merkwürdig gefunden. Aber jetzt verstand sie, o, jetzt verstand sie …

Unten auf der Straße ging eine Nachbarsfrau vorbei. Sie nickte ein-, zweimal und Frau Elisabeth nickte wieder und führte dabei das Taschentuch an die Augen. Es war ihr eine Genugtuung, daß die Freundin sie in ihrem Schmerz gesehen. Sie schaute ihr heimlich nach, und da erlebte sie eine zweite Genugtuung. Die Freundin hatte sich wohl etwas eilig angekleidet, denn bei jedem Schritt schob sich ein blendend roter Rocksaum unter dem dunkeln Kleid hervor. Frau Elisabeth lächelte: „So 'ne Schlamperei! Und diese Farbe! Ja, wenn man eben keinen Geschmack hat …“

Sie erhob sich, und bald darauf stand sie heitern Gemüts an der Mehlkiste.

Das Peterchen kam mit dunkelglühenden Bäckchen nach Hause. „Mutter, die Schule ist fein!“ schrie er schon von weitem.

Frau Elisabeth gab es einen Stich durchs Herz. Sie hätte ihn lieber ein bißchen bekümmert, ein bißchen sehnsüchtig erregt gesehen.

„Hast du Heimweh nach mir gehabt, Peterchen?“ fragte sie, das Kind zärtlich umfangend.