„Nur ein bißchen. Weißt du, nachher kam das feine Bild von dem Elefanten. Der ist mal klug, Mutter! Und stark und, und – gerecht. Ja, gerecht nennt man das, Mutter. Wenn man dem etwas Böses tut, straft er einen gleich. Da war mal so ein Schneider, Mutter, – –“
„Ja, das kannst du mir nachher erzählen, jetzt gehen wir zum Essen,“ sagte Frau Elisabeth. Sie sprach in kurzem, etwas gereiztem Ton, und die feinen Kinderohren horchten auf. Wie seltsam … war Mutter böse? Er war so froh gewesen, so erfüllt von all dem Wunderbaren, Neuen. Und die Geschichte war so lustig. Ha, ha, wie das viele Wasser in die Schneiderstube spritzte! Der stach den Elefanten gewiß nicht zum zweitenmal in den Rüssel! –
Das Peterlein machte einen Sprung, als müsse er sich aus des Schneiders nasser Stube retten. Da fühlte er sich von seinem Vater ergriffen, in die Luft gewirbelt und wieder auf die Erde gesetzt. Peterlein schaute atemlos zu ihm auf: „O Vater, bist du stark! Fast wie ein Elefant! Und denke dir, so klug ist der und soo – gerecht. Ich will dir mal was von einem Schneider erzählen. Willst du's hören?“
„Aber gewiß!“ rief Vater Niemeyer. Das freute ihn, das war ja wie ein Akkord aus der Zukunftsmusik, die er vorher gespielt.
Und das Peterlein erzählte, mit Mund und Augen und allen Gliedern. Der Vater bedauerte und lachte, alles am rechten Ort. Die Mutter – Peterchen schielte wieder und wieder zu ihr hinüber – kniff die Lippen zusammen, so eng, daß nur noch ein schmaler roter Strich zu sehen war. Man konnte sich gar nicht vorstellen, daß sie wiederauseinandergehen und liebe Worte sprechen könnten. Wie schade, daß Mutter die Geschichte nicht gefiel! Vielleicht, wenn er ihr sie später noch einmal erzählte?
Abends beim Zubettgehen versuchte Peterchen seine Geschichte ein zweites Mal anzubringen. Aber Frau Elisabeth konnte sich nicht überwinden. Mit abweisendem Wort schloß sie die plauderfrohen Lippen. Die alte, häßliche Schule! Was brauchte er so vergnügt von dort herzukommen, wo sie nicht dabei gewesen. – „Gönnst du ihm denn seine Freude nicht?“ mahnte eine Stimme ihres Innern. Ja schon, aber er soll sie bei mir suchen.
Beinahe leidenschaftlich umarmte sie das stämmige Körperchen. „Du hast mich lieb, Peterchen? Nicht wahr, du wirst dein Mutterchen immer lieb haben?“ Der Kleine drückte das runde Gesicht gegen ihre Wange. „Immer, immer! Aber –“ fügte er zögernd hinzu, „warum darf ich dir nicht erzählen? Darf ich dir nie, gar nie erzählen, was wir in der Schule machen?“
Da durchzuckte Frau Elisabeth eine jähe Erkenntnis. Wie war sie so töricht gewesen! In ihrer selbstsüchtigen Liebe hatte sie ihn ja von sich gestoßen. Mußte sie nicht froh sein, o von Herzen froh und dankbar, daß er alles zu ihr trug?
„Freilich darfst du mir erzählen, Peterchen. Jeden Tag, soviel du willst! Aber für heute ist's genug, sonst bist du morgen müde in der Schule.“
Das half. Der dunkle Kopf sank auf das Kissen, und noch während Frau Elisabeth ordnend im Zimmer hin und her ging, fiel das Peterlein in Schlummer.