In den folgenden Monaten geschah es oft, daß der kleine Peter etwas zu erzählen wußte. Aber nicht immer fand er die Mutter willig, seinen sprudelnden Berichten zu lauschen.

Arme Frau Elisabeth! Ihren Gedanken, die nie nach den Schätzen der Tiefe geforscht, nie in Qual und Sehnsucht zur Höhe gedrängt hatten, genügte die kleine Welt, in der sie sich bewegte, vollkommen. Sie war nicht unglücklich gewesen, wenn sie auch zuweilen unter den Launen ihres Mannes gelitten hatte. Er gab ihr ja auch wieder gute Worte, und sie hatte ein behagliches Heim und konnte hübsche Kleider tragen und brauchte keine grobe Arbeit zu tun. Aber nun war so vieles anders geworden.

Unter Peterleins dunkelm Lockenbusch fingen allerlei Gedanken zu arbeiten an. Nicht nur was er in der Schule sah und hörte, nein, auch alles was ihm sonst entgegentrat im Leben, wurde mit gierigen Augen und Händen entgegengenommen und betastet und befragt.

So mag es einem kleinen Pflanzensetzling zumute sein, den man von der Mutterpflanze gelöst hat. Er trinkt die Nahrung nicht mehr aus dem mütterlichen Stamm, nein, direkt aus der feuchten, kühlen Erde, und der Sonnenschein umfließt ihn inniger und wärmer, da er nun so rank und fein und klein für sich steht. Er fängt behutsam an, Würzelchen auszustrecken, und er wagt es und entrollt ein verschämtes, zitterndes Blatt.

Frau Elisabeth aber begriff das neue Leben, das sich, losgelöst von dem ihren, entwickelte, nicht und betrachtete es mit feindseligen und argwöhnischen Augen. Hin und wieder zwar rang sich ihr die Erkenntnis durch, die sie am ersten Schultage durchzuckt hatte. Nein, er durfte ihr nicht verloren gehen. Sie wollte teilhaben an seinen innersten Gedanken, wie damals, als er zu früher Morgenstunde in ihr Bett gekrochen.

Aber wenn sie, nachdem sie dem Kind tage- und wochenlang gleichgültig und verständnislos zur Seite gestanden, eine plötzliche Annäherung suchte, konnte es geschehen, daß Peterlein die Lippen zusammenkniff. Das feine Seelchen flüchtete sich vor den täppischen Angriffen und schaute nur scheu und verängstet aus den großen verschleierten Augen.

Dann schwieg auch Frau Elisabeth; aber es war nicht ein aus Zartgefühl geborenes Schweigen. Das hätte dem Peterlein wohl getan und ihm vielleicht die herben Lippen geöffnet. Er beobachtete die Mutter, wie sie sich an den Nähtisch setzte, zu Nadel und Faden griff und zu nähen begann. Und jede Bewegung brachte ihr Gekränktsein zum Ausdruck, laut und hart. Das Kind aber wand sich in unverstandener Qual.

Es ging dann wohl, um sich zu zerstreuen, in die Werkstatt hinunter, denn der Vater nickte ihm meist freundlich zu und schenkte ihm auch hin und wieder einen Streifen bunten Papiers.

Peterlein liebte es, auf einem hohen Drehstuhl zu sitzen, der dicht am Fenster stand. Draußen war nicht viel zu sehen, wenigstens nichts, was die Aufmerksamkeit der Arbeiter erregt hätte. Aber Peterlein bewunderte das steil abfallende braunrote Ziegeldach. Es wuchs so viel feines, samtenes Moos darauf, und er liebte alles Weiche. Die Mutter hatte ein Samtkleid, das drückte er oft verstohlen an die Wange.