Über das Dach ragte ein alter, klotziger Turm empor. Wie ein rundes, gutmütiges Gesicht schob sich die Hälfte seines Zifferblattes über den First empor. Und Peterlein nickte ihm zu. Er mochte ihn gerne leiden, den alten Turm mit dem breiten Gesicht, und er liebte auch die Zeiger, die so lustig Verstecken spielen konnten. Der eine, kleinere, glitzerte stundenlang oben in der Sonne, dann versank er, und Peterlein sah ihn des Abends nie. Der große lief viel schneller. Jetzt war er verschwunden, aber nachdem man ein Weilchen mit den Beinen geschaukelt, das Moos auf dem Dach in Gedanken gestreichelt, sich über die vielen, vielen Bücher gewundert und von der Möglichkeit, sie zu lesen, geträumt hatte, tauchte er auf der andern Seite auf und war so golden und blitzend wie zuvor.

„Was er nur denken mag, wenn er so zum Fenster hinausstarrt,“ dachte Peter Niemeyer sen. Er versuchte, in die eigene Kindheit hinabzusteigen. Aber merkwürdig! es kam ihm keine Erinnerung, die ihm das Bild eines versonnenen kleinen Buben entgegengehalten hätte. Er sah sich immer in Bewegung, im Schulhof, auf der Straße, im elterlichen Hause … turnend, schreiend, raufend. War sein Junge am Ende kein echter Junge? – – An Kraft fehlte es ihm gewiß nicht. Er hatte breite Schultern, die den dunkeln Kopf stolz und aufrecht trugen, und daß er Beine hatte, die ihresgleichen suchten im Marschieren und Laufen, konnte Vater Niemeyer wieder und wieder beobachten.

Er nahm sich vor, den Jungen an den Sonntagen mehr mit sich ins Freie zu nehmen, womöglich mit andern Kindern zusammen.

Das Stillesitzen und Träumen verdroß ihn … aus dem einfachen Grund, weil es seiner Natur fremd und unverständlich war. Und er wollte den Jungen für sich heranwachsen sehen. Sein Kamerad, seine Stütze und Hilfe sollte er werden. Aber hatte er selbst nicht auch geträumt in jungen Tagen und sich eine heimliche Welt erbaut? O gewiß, aber es waren lauter klare Dinge gewesen, lebensfähige, starke Gedanken. Sein Junge aber war versunken in den Anblick eines alten Daches und beobachtete das Auf und Ab eines Zeigers. Dem mußte beizeiten ein Riegel vorgeschoben werden.

So kam es, daß am folgenden Sonntag die drei Niemeyer mit einer befreundeten, sehr kinderreichen Familie zusammen einen Ausflug machten. Der nasenähnliche Vorsprung des nächstgelegenen Berges war zum Ziel ersehen worden. Die Gesellschaft setzte sich in fröhlicher Laune in Bewegung. Die Luft war klar, der Sonnenschein wärmend, ohne stechend zu sein. Peterlein sprang mit den andern Kindern um die Wette. Er schlug Purzelbäume wie ein gedienter Zirkusclown und ging aus einem Ringkampf, der mit viel Lachen und Gekreisch in Szene gesetzt wurde, als Sieger hervor. War das derselbe Junge, der verträumt in einem Winkel zu sitzen pflegte? Nein, das war ein echter, lebendiger Junge, wie er sein soll. Vater Niemeyer strahlte.

Dann fiel er mit einem Mal aus allen Himmeln. Der besiegte Nachbarjunge, der seinen Groll nicht verwinden konnte, drang plötzlich von hinten auf Peterlein ein und schlug ihn über den Kopf.

„Na, hoffentlich haut er ihm eine Tüchtige runter!“ dachte Vater Niemeyer ergrimmt. Aber Peterlein blieb stehen und schaute seinen Widersacher an. Grenzenloses Erstaunen malte sich in seinen Augen. „Du bist ja ein Feigling!“ sagte er mit seiner hellen Knabenstimme.

„Was bin ich!“ schrie der andere. Er versetzte Peter einen Stoß, der ihn zu Boden schleuderte; dann hielt er es für geraten, sich hinter seinen Vater zurückzuziehen.

Es wäre nicht nötig gewesen. Als Peterlein wieder aufrecht stand, ging er seines Wegs, ohne sich nur umzublicken.

Peter Niemeyer ärgerte sich. Hatte der Junge kein Ehrgefühl im Leib? Mit ein paar raschen Schritten war er an seiner Seite. „Läßt du dir so etwas gefallen, Peter? Vorher hast du ihn ja auch untergekriegt. Warum hast du nicht mit ihm gerungen?“