„Weil er feig ist,“ sagte das Kind und hob seinen stolzen, freien Blick. Die Augen waren unverschleiert und glühend, und Vater Niemeyer wußte keine Entgegnung.
Oben auf dem Berggipfel lagerte man sich, und nachdem die Aussicht bewundert und die Namen der zerstreut liegenden Dörfer richtiggestellt waren, überließen sich die Erwachsenen der Ruhe.
Die Kinder drangen tiefer in den Wald hinein. Es ward still, nur hin und wieder klang ein vereinzelter heller Schrei, ein seliges Lachen herüber. Peter Niemeyer lag, die Beine weit ausgestreckt, und fühlte und trank den Zauber des Frühlingstages in tiefen Atemzügen.
Da schrak er jäh empor. Das Weinen eines Kindes, untermischt mit vielstimmigem Gelächter, war an sein Ohr gedrungen. Er richtete sich auf. Die Töne kamen näher und näher, und Frau Elisabeth horchte ängstlich auf. „Es ist unser Peterchen, der weint,“ flüsterte sie.
Da stürzte er auch schon auf sie zu, mitten in ihre ausgestreckten Arme. „Was hast du denn? Wer hat dir etwas zuleid getan?“ fragte sie wieder und wieder. Aber Peterlein konnte vor Schluchzen nicht sprechen, und die andern Kinder mußten berichten. Das Peterlein sei ganz für sich gegangen, sie hätten ihn lange gesucht und endlich vor einem großen Stein gefunden. Den habe er immerzu betrachtet. Da sei eines von ihnen zum Spaß daraufgestanden, und nun habe das Peterlein angefangen zu weinen und sei davongelaufen und sie alle hinterdrein.
Vater Niemeyer war ernstlich böse. „Deswegen weint man doch nicht. Schäme dich, Peter!“
Frau Elisabeth fühlte Mitleid mit dem zuckenden Körperchen, das in ihrem Schoß lag. Er hatte sich zu ihr geflüchtet. Das tat wohl. Sie beugte sich ein wenig herab und flüsterte: „Sei nun wieder still, Peterlein! Sieh, die andern sind so vergnügt. Warum hat dich denn der dumme Stein so betrübt?“
Peterchen hob sein verweintes Gesicht. „Ach Mutter, es war ein kleiner Wald, eine wunderschöne kleine Welt darauf!“
„Wirklich!“ sagte Frau Elisabeth und vertilgte mit dem Taschentuch die Tränenspuren in ihres Sohnes Gesicht. Sie dachte dabei, was für ein absonderliches Kind sie doch habe, und es ward ihr unbehaglich bei dem Gedanken. Wie mochte das später werden? Nun zählte er erst acht Jahre und war ihr schon halb entglitten.
Ihr Blick ging unsicher und fragend zu ihrem Mann hinüber; aber Peter Niemeyer, der die Klage seines Jungen um die zertretene kleine Welt gehört, lag still mit geschlossenen Augen und gerunzelter Stirne.